EU-Energie- und Wohnkommissar Dan Jørgensen setzt auf die zypriotische Ratspräsidentschaft
Nach dem Besuch des Kollegiums der EU-Kommissare in Zypern, der einen weiteren Meilenstein zum Auftakt der zypriotischen EU-Ratspräsidentschaft markierte, machte der dänische EU-Kommissar für Energie und Wohnungswesen Dan Jørgensen im Gespräch mit der Cyprus News Agency deutlich, worum es ihm in den kommenden Monaten geht: konkrete, spürbare Lösungen für die Bürgerinnen und Bürger Europas.
„Wir dürfen den Fokus nicht verlieren“, betonte Jørgensen. Gerade angesichts geopolitischer Spannungen, steigender Lebenshaltungskosten und tiefgreifender Reformen müsse Politik liefern – messbar und alltagstauglich.
1. Erwartungen an die zypriotische Präsidentschaft
Der Kommissar erklärte offen, dass er große Erwartungen an die zypriotische EU-Ratspräsidentschaft knüpft, insbesondere im Bereich Wohnungsbau und bezahlbares Wohnen. Politischer Schwung müsse erhalten bleiben, um die Krise anzugehen.
Mit Blick auf den geplanten Housing Summit im Sommer sagte Jørgensen, er zähle auf Zypern, um die Agenda der Kommission voranzubringen und die Verhandlungen zu beschleunigen. Wohnen sei kein Randthema mehr, sondern eine soziale Kernfrage Europas.
2. Energie, Geopolitik und Lebenshaltungskosten – alles hängt zusammen
Angesprochen auf die Vielzahl paralleler Großprojekte – vom European Grids Package über den Ausstieg aus russischer Energie bis hin zur Unterstützung der Ukraine und Moldaus – machte Jørgensen klar, dass Europa sich in einer außergewöhnlich schwierigen Phase befinde.
„Europa navigiert in turbulenten geopolitischen Gewässern – und wir müssen geschlossen und entschlossen bleiben.“
Zugleich erlebe der Kontinent eine massive Krise der Leistbarkeit des Lebens. Für Jørgensen ist klar: Alle großen Initiativen verfolgen letztlich dasselbe Ziel – mehr Energieunabhängigkeit.
weniger Importe fossiler Brennstoffe,
mehr heimische erneuerbare Energien,
konsequente Steigerung der Energieeffizienz.
Nur so ließen sich Energiepreise dauerhaft senken. Auch die Unterstützung der Energieversorgung von Ukraine und Moldau sei keine Wohltätigkeit, sondern eine Investition in Europas eigene Sicherheit.
3. Neue Risiken: Energieversorgung unter Druck
Jørgensen warnte davor, Energie als selbstverständlich anzusehen. Die letzten Jahre hätten gezeigt, dass das System zunehmend neuen Risiken ausgesetzt sei:
physische Sabotage an Energieinfrastruktur,
Cyberangriffe auf kritische Netze,
klimabedingte Extremereignisse,
geopolitische Schocks.
Der Ukraine-Krieg habe unmissverständlich klargemacht, dass eine Abhängigkeit von einzelnen Energieanbietern vermieden werden müsse. Zwar habe sich das europäische Energiesystem als widerstandsfähig erwiesen, doch neue Realitäten erforderten neue Antworten.
Deshalb kündigte Jørgensen an, noch in diesem Jahr eine Reform des EU-Rahmens zur Energiesicherheit vorzulegen.
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Mehr Informationen4. Stromnetze als europäische Schlüsselinfrastruktur
Ein zentrales Instrument dafür ist das European Grids Package, das Jørgensen ausdrücklich als europäisches Gemeinschaftsprojekt bezeichnete – nicht als nationale Angelegenheit.
Ziel sei:
höhere Sicherheit und Resilienz,
niedrigere Preise,
sauberere Energie.
Die Europäische Kommission habe deshalb vorgeschlagen, das Budget der Connecting Europe Facility (CEF) für Energieinfrastruktur von rund 6 auf fast 30 Milliarden Euro zu erhöhen. Sicherheit werde zudem von Anfang an in die Planung grenzüberschreitender Projekte integriert.
5. Great Sea Interconnector: strategisch, aber komplex
Ein besonders sensibles Thema ist der Great Sea Interconnector. Jørgensen erinnerte daran, dass Zypern der letzte EU-Mitgliedstaat ohne Anbindung an das europäische Stromnetz sei – ein klarer Nachteil für Marktintegration und erneuerbare Energien.
Der Fortschritt des Projekts sei durch ein komplexes geopolitisches Umfeld gebremst worden, mit Auswirkungen auf Zeitpläne und Kosten. Dennoch sei der GSI von strategischer Bedeutung.
Die Kommission habe das Projekt:
seit Jahren politisch und finanziell unterstützt,
über die CEF kofinanziert,
und inzwischen als eine von acht prioritären „Energy Highways“ eingestuft.
Jørgensen betonte, er stehe persönlich in engem Kontakt mit Zypern und Griechenland und versicherte, dass die Kommission weiterhin starke politische und technische Unterstützung leisten werde – auch bei geopolitisch sensiblen Fragen.
6. Netzausbau ohne Mehrbelastung der Bürger?
Auf die Sorge, dass Netzausbau am Ende die Verbraucher belastet, entgegnete Jørgensen mit Zahlen: Ohne Modernisierung könnten bis 2040 bis zu 310 TWh erneuerbare Energie ungenutzt bleiben – fast die Hälfte des Stromverbrauchs von 2023.
Das Grids Package setze daher nicht nur auf Neubau, sondern auch auf:
bessere Nutzung bestehender Netze,
fairere Kostenverteilung,
lokale Vorteile für Regionen mit erneuerbaren Energien.
7. Wohnen: „Kein Luxusgut, sondern ein Grundrecht“
Besonders deutlich wurde der Kommissar beim Thema Wohnen. Wohnraum werde zu oft wie eine Ware behandelt, sagte er, dabei sei ein Zuhause „mehr als ein Stück Gold – es ist Wärme, Sicherheit und Zugehörigkeit“.
Europa müsse zur Logik zurückkehren, dass Wohnen ein Grundrecht sei. Zwar könne Brüssel die Krise nicht allein lösen, doch die EU müsse den Rahmen setzen.
Konkret kündigte Jørgensen an:
einen neuen EU-Rahmen für die Regulierung von Kurzzeitvermietungen,
Maßnahmen, damit Einheimische nicht aus ihren Städten verdrängt werden,
sowie Überlegungen, Mietkautionen für Studierende zu reduzieren oder abzuschaffen.
8. Was wäre ein Erfolg für die zypriotische Präsidentschaft?
Für Jørgensen wäre ein greifbarer Erfolg:
spürbarer Fortschritt bei den Verhandlungen zum European Grids Package,
Erhalt des politischen Momentums beim Thema Wohnen,
und konkrete Ergebnisse beim Informellen Wohnungsrat.
„Das ist ein Thema von höchster Bedeutung für unsere Bürger – und wir müssen so schnell wie möglich liefern.“
Schlussbetrachtung
Das Interview macht deutlich: Energie- und Wohnpolitik sind für die EU längst Kernfragen strategischer Autonomie und sozialer Stabilität. Die zypriotische Ratspräsidentschaft steht damit unter hohem Erwartungsdruck – aber auch mit realer Gestaltungsmacht.
Oder nüchtern formuliert:
In unsicheren Zeiten zählt nicht die Ankündigung – sondern das Ergebnis.
Quelle: Cyprus News Agency (CNA)
