Nachhaltige Entwicklung ist für Zypern – wie für jedes Land – nicht einfach eine ökologische Geschmacksfrage. Sie ist, so formuliert es Prof. Dr. Phoebe Koundouri, „eine Voraussetzung für wirtschaftliche Resilienz, sozialen Zusammenhalt und geopolitische Stabilität“. In einem ausführlichen Interview mit der Cyprus News Agency (CNA) zeichnet die international renommierte Umwelt- und Ressourcenökonomin ein Bild, das bewusst über klassische Umweltpolitik hinausgeht: Nachhaltigkeit wird als Leitplanke staatlicher Modernisierung verstanden – von Energie und Wasser über Bildung und Tourismus bis hin zu institutioneller Handlungsfähigkeit.
Koundouri ist keine Stimme aus der akademischen Nische, sondern in mehreren globalen Rollen aktiv: Sie ist Co-Chair des UN Global Sustainable Development Report 2027, Präsidentin des World Council of Environmental and Resource Economists Associations, Chair des SDSN Global Climate Hub und Direktorin der Forschungsallianz AE4RIA. Im Vorjahr wurde sie zudem mit dem Award of Excellence der Republik Zypern ausgezeichnet, verliehen durch die Akademie der Wissenschaften, Literatur und Künste der Republik Zypern. Ihr Profil verbindet Wissenschaft, Politikberatung und internationale Koordination – und genau diese Kombination prägt auch ihre Kernbotschaft an Zypern: Nicht reden, sondern in umsetzungsfähige Projekte übersetzen.
Zypern im „Klimagürtel“ des Mittelmeers: Hitze, Wasser, Ökosysteme – und die Pflicht zur Langfristplanung
Auf die Frage nach den größten Herausforderungen für Zypern verweist Koundouri auf die geografische Realität: Die Insel liegt in einer der klimatisch verwundbarsten Regionen des Mittelmeers. Steigende Temperaturen, Wasserknappheit und Ökosystemdruck erfordern „integrierte, langfristige Planung“. Das ist ein entscheidender Punkt, weil Zypern – als Insel mit begrenzten Ressourcen, empfindlichen Küsten- und Meeresökosystemen und hohem Tourismusanteil – Klimarisiken besonders schnell spürt.
Dabei geht es nicht nur um Extremwetter, sondern um systemische Folgen: Wasserknappheit beeinflusst Landwirtschaft, Haushalte, Preisstabilität und soziale Spannungen. Ökosystemstress wirkt auf Biodiversität, Fischerei, Küstenstabilität und touristische Attraktivität. Hitze wirkt auf Gesundheitssysteme, Arbeitsproduktivität, Energiebedarf (Kühlung) und Infrastruktur.
Koundouris zentraler Ansatz lautet: Man darf diese Themen nicht als getrennte Ministeriums-Schubladen behandeln. Wer Wasser getrennt von Energie und Energie getrennt von Tourismus plant, baut zwar viele Pläne – aber keine Resilienz.
Energiewende als strategische Chance: Erneuerbare, Speicher, Interkonnektoren – plus „smartes Wasser“
So deutlich Koundouri die Verwundbarkeit beschreibt, so klar benennt sie die Gegenperspektive: Die Energiewende ist für Zypern eine strategische Chance. Die Insel könne in erneuerbare Energien, Speicher, Interkonnektoren, smartes Wassermanagement und hochwertigen nachhaltigen Tourismus investieren. Ergänzend betont sie den Aufbau grüner und digitaler Kompetenzen, die Wettbewerbsfähigkeit stärken und neue Arbeitsplätze schaffen können.
Das ist nicht nur eine technologische Agenda, sondern eine Standortagenda. Denn in einer Welt, in der Dekarbonisierung, Energiepreise, Versorgungssicherheit und EU-Regeln immer stärker die Wettbewerbsfähigkeit definieren, wird „grün“ zu einem betriebswirtschaftlichen Parameter. Für Zypern – mit viel Sonne, begrenzten fossilen Ressourcen und hoher Importabhängigkeit – wird der Umbau des Energiesystems zur Frage: Wieviel Souveränität kann sich die Insel erarbeiten?
Koundouri betont dabei den wirtschaftlichen Hebel: Erneuerbare Energie plus Speicher ist nicht nur CO₂-Politik, sondern kann Preisvolatilität dämpfen, Investitionskosten langfristig senken und neue Wertschöpfungsketten erzeugen. Gleiches gilt für Wasser: „Smart Water Management“ ist nicht nur Effizienz, sondern Risikoversicherung gegen Engpässe, die sich sonst in sozialen und wirtschaftlichen Konflikten niederschlagen.
Der entscheidende Satz: Von Zielen zu „bankable projects“
Vielleicht der wichtigste Punkt des gesamten Interviews ist weniger poetisch, dafür maximal praktisch: Der Schlüssel sei ein systemischer Ansatz, der Daten verknüpft, Szenarien modelliert, Kosten-Nutzen-Analysen durchführt und strategische Ziele in finanzierbare („bankable“) Projekte übersetzt.
Hier liegt die harte Wahrheit vieler Nachhaltigkeitsstrategien: Visionen sind schnell geschrieben – Investitionslogik ist schwer. Koundouri sagt im Kern: Wir haben das Wissen, die Technologie und sogar das Geld, aber es fehlt häufig der Mechanismus, der öffentliche Ziele in umsetzungsreife Portfolios überführt. Und genau das soll Wissenschaft leisten: Struktur schaffen, Prioritäten setzen, Risiken quantifizieren, Wirkungen vorab bewerten – damit Projekte tatsächlich umgesetzt werden können, statt als „Strategie 2030“ im Regal zu altern.
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Mehr InformationenPolykrise: Klimawandel, Ungleichheit, Energie- und Ernährungssicherheit, Migration, Geopolitik – alles hängt zusammen
Auf globaler Ebene spricht Koundouri von einer „Ära permanenter und miteinander verbundener Polykrisen“. Sie nennt Klimawandel, Biodiversitätsverlust, soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten, Energie- und Ernährungssicherheit, Migrationsbewegungen und geopolitische Instabilität – nicht als getrennte Probleme, sondern als „ein einziges dynamisches System“, in dem Risiken sich gegenseitig verstärken.
Diese Diagnose ist für Zypern besonders relevant, weil die Insel an mehreren Schnittstellen liegt: geopolitisch im östlichen Mittelmeer, wirtschaftlich als offener Dienstleistungsstandort, ökologisch in einer vulnerablen Region und sozialpolitisch im Spannungsfeld von Preis- und Migrationsdynamiken. Wenn Polykrisen gekoppelt auftreten, reichen isolierte Maßnahmen nicht mehr. Dann braucht es Governance, die Komplexität managen kann.
Wir könnten die SDGs erreichen – tun es aber nicht: weniger als 20% Fortschritt
Koundouri betont, dass die Menschheit heute grundsätzlich über wissenschaftliches Wissen, Technologie und Finanzressourcen verfügt, um die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) zu erreichen. Trotzdem liege die globale Umsetzungsperformance bei unter 20%. Für sie ist das Kernproblem nicht fehlende Lösungen, sondern fehlende Skalierung und fehlende Mechanismen, die aus öffentlichen Zielen investierbare Projekte machen.
Zugleich warnt sie vor einem entscheidenden Zeitfenster: Die nächsten drei Jahre seien maßgeblich dafür, ob die Transformation geordnet, gerecht und wissenschaftsbasiert erfolgt – oder ob fragmentierte Politik Ungleichheiten und Instabilität vertieft. Das ist eine klare Ansage: Nachhaltigkeit ist nicht „langfristig irgendwann“, sondern kurzfristig entscheidungsabhängig.
Koundouris Methode: menschzentriert, interdisziplinär, mathematisch rigoros
Wie arbeitet man gegen Polykrisen? Koundouri beschreibt ihren Ansatz als human-centered, interdisziplinär und mathematisch rigoros. Konkret: Sie entwickelt integrierte Analyseinstrumente, die Natur, Wirtschaft und Gesellschaft in einem gemeinsamen Entscheidungssystem abbilden.
Im Zentrum steht die Forschungsallianz AE4RIA, die sie leitet: ein internationales Netzwerk mit über 250 Forschenden, mehr als €500 Mio. kompetitivem Funding und Aktivitäten in über 120 Ländern. Ziel ist, ökologische, soziale und ökonomische Variablen systemisch zu verbinden und ganzheitliche Transformationspfade zu entwerfen.
Ihr Rahmen umfasst drei Stufen:
Kontinuierliche Messung und Monitoring des SDG-Fortschritts,
Dynamische und räumliche Transformationspfade durch wissenschaftliches Modeling,
Investitionsportfolios, die Klima- und Sozialrisiken integrieren.
Als Chair des SDSN Global Climate Hub arbeitet sie zudem an integrierten Modellen, die Energie, Wasser, Landnutzung, Transport, Meeresökosysteme und wirtschaftliche Bewertung jenseits des BIP verbinden. Sie nennt Geodaten, Planetary-Boundaries-Analysen und dynamische Systemmodelle, um politische Entscheidungen ex ante – also vor Umsetzung – in ihren Wirkungen zu bewerten. Das ist der Unterschied zwischen „wir hoffen, es wirkt“ und „wir berechnen, wie es wirkt“.
UN-GSDR 2027: Wissenschaft als Kompass und als Rechenschaftsinstrument
Als Chief Scientist bzw. Co-Chair des UN Global Sustainable Development Report 2027 arbeitet Koundouri an der wissenschaftlichen Grundlage, die Regierungen helfen soll, die SDG-Umsetzung zu beschleunigen und Politik über 2030 hinaus evidenzbasiert auszurichten.
Sie beschreibt den GSDR als „Flagship“-Instrument der UN, das Fortschritt bewertet und Politikpfade formuliert. Ziel sei konkrete, umsetzbare Orientierung – und stärkere globale Rechenschaft.
Für Zypern ist das eine interessante Brücke: Eine zypriotisch geprägte Wissenschaftlerin sitzt an einem globalen Steuerungsinstrument – und betont gleichzeitig, dass Erfolg im Kleinen wie im Großen daran hängt, ob Institutionen Projekte reif machen und implementieren können.
Davos: Weltwirtschaft am Wendepunkt – Green Deal & Fit-for-55 als neues Wachstumsparadigma
Koundouri, die auch am Weltwirtschaftsforum in Davos teilnahm, berichtet von einer klaren Botschaft: Die Weltwirtschaft stehe an einem Wendepunkt. Geopolitik, Umbau von Wertschöpfungsketten und Energiewende erzeugten Unsicherheit, beschleunigten aber zugleich die Notwendigkeit, das Entwicklungsmodell neu zu designen.
Sie verweist auf politische Signale wie den European Green Deal, Fit-for-55 und das Nature Restoration Law: Wettbewerbsfähigkeit werde künftig stärker mit Dekarbonisierung, Innovation und Resilienz verknüpft. Die entscheidende Frage sei, ob die Welt in Fragmentierung und niedrige Kooperation driftet – oder ob ein multilateraler Ansatz gelingt, der globale öffentliche Güter schützt. Und hier setzt sie Wissenschaft als „gemeinsamen Nenner“: als Brücke über politische und ökonomische Gräben.
„Cyprus shaped me“: Herkunft als Wertefundament
Auf die Frage nach ihrem zypriotischen Ursprung antwortet Koundouri persönlich: Sie wurde in Zypern geboren, lebte dort bis 17 und ging dann nach England zum Studium (Cambridge). 18 Jahre blieb sie im Vereinigten Königreich und lehrte u. a. in Cambridge, UCL, LSE und Reading.
Doch sie betont: Zypern sei nicht nur Herkunft, sondern der Ort, der sie geprägt habe – vor allem durch Familie, Werte und Selbstvertrauen. Das ist mehr als Biografie: Es erklärt, warum sie Zypern nicht nur als Fallstudie sieht, sondern als Land, dem sie zutraut, Transformation intelligent zu organisieren.
Fazit: Zypern kann Polykrisen in einen Modernisierungsschub verwandeln – wenn Governance liefert
Koundouris Interview ist im Kern ein Plädoyer für einen Perspektivwechsel: Nachhaltigkeit ist nicht „Umwelt“, sondern Staats- und Wirtschaftsstrategie. Für Zypern bedeutet das: Klima- und Wasserverwundbarkeit sind harte Realitäten – aber die Energiewende ist eine Chance für neue Wertschöpfung, für Jobs, für Resilienz und damit auch für politische Stabilität.
Die entscheidende Bedingung ist institutionell: Daten, Modelle, Kosten-Nutzen-Logik und gesellschaftliche Beteiligung müssen in eine Governance übersetzt werden, die Projekte realisiert – schnell, sauber, investierbar. Dann wird aus der Polykrise eine Gelegenheit zur systemischen Transformation.
Und vielleicht ist das die trockenste, aber ehrlichste Pointe: In einer Welt voller Krisen ist der Wettbewerbsvorteil nicht, wer die schönsten Ziele formuliert – sondern wer sie umsetzen kann. Zypern hat dafür Sonne, Köpfe und EU-Rahmen. Jetzt braucht es vor allem das, was Koundouri betont: strategische Konsistenz und kollektive Verantwortung.
Quelle: Cyprus News Agency (CNA)
