Bezahlbares Wohnen

Bezahlbares Wohnen auf der europäischen Agenda: EU-Ministertreffen in Nikosia rückt Wohnungsfrage in den Mittelpunkt

Unter zypriotischer EU-Ratspräsidentschaft diskutieren die Mitgliedstaaten über leistbares, nachhaltiges und soziales Wohnen

Bezahlbares Wohnen ist längst zu einer der zentralen sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen Europas geworden. Was früher in vielen Ländern vor allem als kommunales oder nationales Thema behandelt wurde, ist inzwischen eine Frage von europäischer Tragweite. Steigende Mieten, hohe Baukosten, knapper Wohnraum, demografische Veränderungen, Urbanisierung, Energieeffizienzanforderungen und soziale Ungleichheiten setzen die Wohnungsmärkte in zahlreichen EU-Mitgliedstaaten unter Druck. Genau diese Entwicklung steht im Mittelpunkt des informellen EU-Ministertreffens zum Thema Wohnen, das am Dienstag in Nikosia unter der zypriotischen Präsidentschaft des Rates der Europäischen Union stattfindet.

Das Treffen wird vom zypriotischen Innenminister Constantinos Ioannou geleitet. Im Mittelpunkt stehen bezahlbares, nachhaltiges und soziales Wohnen sowie neue Entwicklungen auf den Wohnungsmärkten. Ziel ist es, einen offenen Dialog zwischen den Mitgliedstaaten, europäischen Institutionen und wichtigen Akteuren des Wohnungssektors zu ermöglichen. Nach Angaben des Sekretariats der zypriotischen EU-Ratspräsidentschaft soll die Zusammenarbeit gestärkt und eine inklusivere sowie widerstandsfähigere Wohnzukunft auf Ebene der Mitgliedstaaten mitgestaltet werden.

Damit setzt Zypern im Rahmen seiner Ratspräsidentschaft ein Thema auf die europäische Tagesordnung, das Bürgerinnen und Bürger unmittelbar betrifft. Wohnen ist kein abstraktes Politikfeld. Es entscheidet darüber, ob junge Familien eine Zukunft planen können, ob Arbeitnehmer in der Nähe ihres Arbeitsplatzes leben können, ob ältere Menschen sicher und würdig wohnen, ob Studierende Zugang zu bezahlbaren Unterkünften haben und ob Städte sozial durchmischt bleiben. Kurz gesagt: Wohnen ist Lebensqualität in Quadratmetern.

Nikosia als Ort europäischer Wohnungsdebatte

Das informelle Ministertreffen findet im Filoxenia Conference Centre in Nikosia statt. Von 9:00 bis 9:15 Uhr Ortszeit wird Innenminister Constantinos Ioannou die Ministerinnen und Minister sowie die Delegationsleiter begrüßen. Anschließend beginnen die Beratungen. Für 15:00 Uhr ist eine Pressekonferenz vorgesehen.

Dass dieses Treffen in Nikosia stattfindet, ist politisch bedeutsam. Die zypriotische EU-Ratspräsidentschaft nutzt ihre Rolle, um bezahlbares, nachhaltiges und menschenwürdiges Wohnen weit oben auf der europäischen Agenda zu platzieren. Gerade für Zypern ist das Thema besonders relevant. Die Insel hat in den vergangenen Jahren eine dynamische wirtschaftliche und immobilienwirtschaftliche Entwicklung erlebt. Städte wie Limassol, Nikosia, Larnaka und Paphos stehen exemplarisch für jene Spannungen, die auch in vielen anderen europäischen Regionen sichtbar sind: Wachstum und Investitionen bringen Chancen, können aber gleichzeitig Wohnkosten erhöhen und soziale Zugänglichkeit erschweren.

In Limassol etwa zeigt sich seit Jahren, wie stark internationale Nachfrage, Unternehmensansiedlungen, Neubauprojekte und Kapitalzufluss auf lokale Wohnungsmärkte wirken können. Auch in Paphos, Larnaka und Nikosia nehmen Fragen der Bezahlbarkeit, des Mietangebots und der nachhaltigen Stadtentwicklung an Bedeutung zu. Zypern spricht bei diesem Thema also nicht aus theoretischer Entfernung, sondern aus eigener praktischer Erfahrung.

Das macht die Präsidentschaft des Landes in dieser Frage besonders interessant. Zypern ist klein genug, um wohnungspolitische Spannungen unmittelbar zu spüren, und europäisch eingebunden genug, um sie in einen größeren Rahmen zu setzen. Eine Insel kann manches besonders klar sehen: Wenn Raum begrenzt ist, werden Wohnungsfragen sehr schnell konkret.

Wohnen als europäische Herausforderung

Das Sekretariat der zypriotischen EU-Ratspräsidentschaft verweist darauf, dass Wohnungssysteme in der gesamten Europäischen Union unter zunehmendem Druck stehen. Die Gründe sind vielfältig. Steigende Kosten, strukturelle Engpässe und demografische Herausforderungen belasten die Märkte. Diese drei Faktoren beschreiben den Kern der europäischen Wohnungsfrage.

Erstens steigen die Kosten. Baukosten, Finanzierungskosten, Grundstückspreise, Energieanforderungen und administrative Verfahren wirken sich auf Neubau und Sanierung aus. Wenn Bauprojekte teurer werden, steigen häufig auch Verkaufspreise und Mieten. Gleichzeitig haben viele Haushalte nicht im gleichen Maße höhere Einkommen. Die Folge ist eine wachsende Lücke zwischen Wohnkosten und Zahlungsfähigkeit.

Zweitens bestehen strukturelle Engpässe. In vielen Städten wird zu wenig gebaut oder nicht das gebaut, was tatsächlich benötigt wird. Es fehlt an bezahlbaren Mietwohnungen, Sozialwohnungen, kleineren Einheiten für Singles und Studierende, familiengerechten Wohnungen in guten Lagen und altersgerechtem Wohnraum. Hinzu kommen langwierige Genehmigungsverfahren, knappe Bauflächen, Infrastrukturgrenzen und Nutzungskonflikte.

Drittens verändern demografische Entwicklungen die Nachfrage. Menschen leben länger, Haushalte werden kleiner, junge Menschen ziehen in Städte, Arbeitsmigration verändert lokale Märkte, und in touristisch attraktiven Regionen konkurrieren Wohnnutzung, Kurzzeitvermietung und Investitionsinteressen miteinander. Wohnpolitik muss daher nicht nur mehr Wohnraum schaffen, sondern den richtigen Wohnraum am richtigen Ort.

Bezahlbares Wohnen: Mehr als ein sozialpolitisches Schlagwort

Bezahlbares Wohnen ist der zentrale Begriff der aktuellen Debatte. Doch was bedeutet „bezahlbar“ konkret? Es geht nicht allein um niedrige Preise. Es geht um ein angemessenes Verhältnis zwischen Einkommen und Wohnkosten. Eine Wohnung ist nicht wirklich bezahlbar, wenn sie nur auf dem Papier verfügbar ist, aber den Haushalt finanziell überfordert.

In vielen europäischen Städten geben Haushalte einen immer größeren Anteil ihres Einkommens für Miete, Nebenkosten oder Kredite aus. Das reduziert ihre finanzielle Freiheit, belastet Familienplanung, Konsum, Altersvorsorge und Mobilität. Wer einen großen Teil seines Einkommens fürs Wohnen ausgeben muss, hat weniger Spielraum für Bildung, Gesundheit, Kultur oder unternehmerische Initiative.

Bezahlbares Wohnen ist deshalb auch ein wirtschaftspolitisches Thema. Arbeitsmärkte funktionieren schlechter, wenn Menschen sich Wohnraum in der Nähe ihres Arbeitsplatzes nicht leisten können. Unternehmen haben Schwierigkeiten, Fachkräfte zu gewinnen, wenn diese keinen angemessenen Wohnraum finden. Städte verlieren soziale Vielfalt, wenn bestimmte Gruppen verdrängt werden. Regionen verlieren junge Menschen, wenn Eigentum oder Miete unerreichbar werden.

Gerade für junge Familien ist die Wohnungsfrage existenziell. Ohne sicheren und bezahlbaren Wohnraum wird Familiengründung schwieriger. Auch Studierende und Berufseinsteiger sind besonders betroffen. Wenn der erste Schritt ins eigenständige Leben bereits an Mietpreisen scheitert, entsteht Frustration. Und Frustration ist selten ein guter Baumeister gesellschaftlichen Vertrauens.

Soziales Wohnen: Schutz für vulnerable Gruppen

Ein weiterer Schwerpunkt des Treffens ist soziales Wohnen. Sozialer Wohnbau und gezielte Wohnhilfen sind wichtige Instrumente, um Menschen zu unterstützen, die am freien Markt kaum Chancen haben. Dazu gehören einkommensschwache Haushalte, Alleinerziehende, Menschen mit Behinderungen, ältere Menschen, junge Familien, Arbeitslose oder Personen in prekären Lebenslagen.

Soziales Wohnen kann verschiedene Formen annehmen: staatliche oder kommunale Mietwohnungen, gemeinnützige Wohnbaugesellschaften, Mietzuschüsse, geförderte Bauprogramme, Genossenschaftsmodelle, öffentlich-private Partnerschaften oder besondere Programme für vulnerable Gruppen. Entscheidend ist, dass Wohnraum nicht ausschließlich nach Marktlogik verteilt wird, sondern soziale Bedürfnisse berücksichtigt.

In vielen Ländern wurde der soziale Wohnungsbestand über Jahrzehnte vernachlässigt oder reduziert. Heute zeigt sich, dass dies langfristige Folgen hat. Wenn der Staat oder gemeinnützige Träger zu wenig bezahlbaren Wohnraum vorhalten, wird die Abhängigkeit vom privaten Markt größer. In angespannten Märkten führt das zu sozialen Problemen.

Die Diskussion in Nikosia bietet daher die Gelegenheit, Erfahrungen der Mitgliedstaaten zu vergleichen. Manche Länder verfügen über starke kommunale oder genossenschaftliche Wohnmodelle. Andere setzen stärker auf Zuschüsse oder Förderprogramme. Wieder andere stehen erst am Anfang einer Neuorientierung. Ein europäischer Austausch kann helfen, erfolgreiche Modelle zu identifizieren, ohne dabei nationale Zuständigkeiten zu ersetzen.

Nachhaltiges Wohnen: Klimapolitik trifft Baupolitik

Nachhaltiges Wohnen ist der zweite große Schwerpunkt. Die Bau- und Wohnungswirtschaft spielt eine zentrale Rolle für Klimaschutz, Energieverbrauch und Ressourceneffizienz. Gebäude verbrauchen Energie, benötigen Materialien, beeinflussen Flächenversiegelung und prägen Mobilitätsmuster. Wohnpolitik kann daher nicht losgelöst von Umwelt- und Klimapolitik betrachtet werden.

Nachhaltiger Wohnbau bedeutet unter anderem energieeffiziente Gebäude, bessere Dämmung, erneuerbare Energien, klimafreundliche Materialien, intelligente Planung, Wassereffizienz, Anpassung an Hitzeperioden und eine gute Verbindung zu öffentlichem Verkehr. Gerade in südlichen Ländern wie Zypern wird auch der Schutz vor Hitze immer wichtiger. Wohnungen müssen nicht nur im Winter warm, sondern im Sommer lebenswert bleiben.

Hier liegt allerdings eine politische Herausforderung. Nachhaltigkeit darf Wohnen nicht unbezahlbar machen. Wenn energetische Standards und Bauauflagen die Kosten stark erhöhen, kann das soziale Ziel untergraben werden. Die Aufgabe besteht darin, Klimaschutz und Bezahlbarkeit zusammenzubringen. Das verlangt kluge Fördermodelle, technische Innovation, effiziente Genehmigungsverfahren und eine langfristige Perspektive.

Zypern ist in diesem Bereich besonders betroffen. Hohe Temperaturen, Wasserknappheit, Küstenentwicklung und Energiefragen machen nachhaltige Bau- und Wohnpolitik zu einer praktischen Notwendigkeit. In einem mediterranen Klima kann gute Architektur viel leisten: Schatten, Belüftung, Ausrichtung, Materialien und grüne Infrastruktur entscheiden über Lebensqualität. Manchmal ist die beste Klimaanlage ein klug geplantes Haus – auch wenn sie leider weniger Fernbedienungen hat.

Neue Trends auf dem Wohnungsmarkt

Das Treffen wird sich auch mit neuen Entwicklungen auf den Wohnungsmärkten beschäftigen. Diese Trends sind vielfältig und verändern die Art, wie Menschen wohnen, investieren und Wohnraum nutzen.

Ein wichtiger Trend ist die zunehmende Bedeutung internationaler Mobilität. Fachkräfte, digitale Nomaden, Studierende und Unternehmer bewegen sich stärker über Grenzen hinweg. Das kann lokale Märkte beleben, aber auch Druck auf Mietpreise erzeugen. Besonders attraktive Städte und Küstenregionen erleben oft eine steigende Nachfrage von Menschen mit höherer Kaufkraft.

Ein weiterer Trend ist die Kurzzeitvermietung. Plattformen für touristische Vermietung können Eigentümern zusätzliche Einkommensmöglichkeiten bieten, verringern aber in manchen Städten das Angebot an langfristigen Mietwohnungen. Für touristisch starke Länder wie Zypern ist diese Balance besonders wichtig. Ferienvermietung kann wirtschaftlich attraktiv sein, darf aber nicht dazu führen, dass Einheimische keinen Wohnraum mehr finden.

Auch institutionelle Investoren spielen eine wachsende Rolle. Wohnimmobilien werden zunehmend als Anlageklasse betrachtet. Das kann Kapital für Neubau mobilisieren, aber auch zu Preissteigerungen und Konzentration führen. Wohnpolitik muss daher unterscheiden zwischen produktiver Investition in neuen Wohnraum und spekulativer Nachfrage, die bestehende Engpässe verschärft.

Hinzu kommen neue Wohnformen: Co-Living, gemeinschaftliches Wohnen, altersgerechte Wohnmodelle, modulare Bauweisen, gemischte Nutzungen und digitale Verwaltungssysteme. Diese Entwicklungen können Chancen bieten, müssen aber sorgfältig in soziale und städtebauliche Konzepte eingebettet werden.

Wohnungsfrage und soziale Kohäsion

Die Wohnungsfrage ist eng mit sozialem Zusammenhalt verbunden. Wenn Wohnen für breite Bevölkerungsschichten unbezahlbar wird, entstehen gesellschaftliche Spannungen. Menschen fühlen sich ausgeschlossen, junge Generationen verlieren Vertrauen in Aufstiegsmöglichkeiten, und Städte können sich sozial entmischen.

In vielen europäischen Ländern ist Wohneigentum ein wichtiger Bestandteil der Vermögensbildung. Wenn junge Menschen dauerhaft vom Eigentum ausgeschlossen bleiben, verschärft sich die Vermögensungleichheit zwischen Generationen. Wer bereits Immobilien besitzt, profitiert von steigenden Preisen. Wer noch keine Immobilie besitzt, sieht den Einstieg immer schwieriger werden. Das kann das Gefühl erzeugen, dass wirtschaftlicher Erfolg weniger von Arbeit und Leistung abhängt als vom richtigen Geburtsjahr oder vom Familienvermögen.

Auch der Mietmarkt ist betroffen. Hohe Mieten können dazu führen, dass Menschen häufiger umziehen müssen, keine langfristige Sicherheit haben oder in überfüllten Wohnungen leben. Das wirkt sich auf Bildung, Gesundheit und Familienleben aus. Wohnen ist deshalb ein Querschnittsthema, das Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik, Stadtplanung, Klimapolitik und Generationengerechtigkeit verbindet.

Das informelle Ministertreffen in Nikosia soll genau diese Zusammenhänge sichtbar machen. Es geht nicht nur darum, mehr Wohnungen zu bauen. Es geht darum, ein Wohnumfeld zu schaffen, das inklusiv, widerstandsfähig und sozial tragfähig ist.

Die Rolle der EU: Unterstützung statt Zentralisierung

Wohnungspolitik liegt in erster Linie in der Verantwortung der Mitgliedstaaten, Regionen und Kommunen. Dennoch kann die Europäische Union eine wichtige unterstützende Rolle spielen. Sie kann Austausch ermöglichen, Finanzierungsinstrumente bereitstellen, regulatorische Rahmenbedingungen beeinflussen, nachhaltige Investitionen fördern und bewährte Verfahren sichtbar machen.

Gerade beim nachhaltigen Bauen, bei Energieeffizienz, bei sozialen Investitionen und bei urbaner Entwicklung gibt es viele Schnittstellen zur EU-Politik. Europäische Fonds können Projekte unterstützen. Die Europäische Investitionsbank kann Finanzierung bereitstellen. EU-Regeln zu Energie, Umwelt, Wettbewerb und staatlichen Beihilfen beeinflussen nationale Wohnungsprogramme.

Ein informelles Ministertreffen ist daher ein geeigneter Rahmen, um ohne unmittelbaren Gesetzgebungsdruck offen zu diskutieren. Die Mitgliedstaaten können Erfahrungen austauschen, gemeinsame Herausforderungen benennen und mögliche Kooperationsfelder entwickeln. Solche Treffen sind wichtig, weil sie politische Verständigung vorbereiten. Nicht jede Lösung entsteht sofort in einer Verordnung. Manchmal beginnt sie mit einem ehrlichen Gespräch darüber, wo der Schuh drückt – oder im Fall der Wohnungspolitik: wo das Dach undicht ist.

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Zyperns Präsidentschaft setzt ein soziales Signal

Die zypriotische Ratspräsidentschaft betont mit diesem Treffen ihr Engagement, bezahlbares, nachhaltiges und menschenwürdiges Wohnen weit oben auf der europäischen Agenda zu platzieren. Das ist ein bewusstes soziales Signal.

Zypern präsentiert sich damit nicht nur als Gastgeber europäischer Sitzungen, sondern als aktiver Impulsgeber bei einem Thema, das Bürgerinnen und Bürger unmittelbar betrifft. Während viele EU-Debatten technisch wirken, ist Wohnen greifbar. Jeder Mensch braucht ein Zuhause. Jeder spürt die Auswirkungen von Mietpreisen, Baukosten, Energiepreisen und Wohnqualität.

Für die zypriotische Präsidentschaft bietet das Thema auch die Möglichkeit, eigene Erfahrungen einzubringen. Zypern kennt starke regionale Unterschiede, touristische Nachfrage, internationale Investitionen, dynamische Stadtentwicklung und die Herausforderung, Wachstum sozial auszugleichen. Diese Erfahrungen können für andere Mitgliedstaaten wertvoll sein.

Gleichzeitig kann Zypern von anderen Ländern lernen. Staaten mit etablierten sozialen Wohnsystemen, Genossenschaftsmodellen oder kommunalen Wohnungsbeständen können Impulse liefern. Länder mit erfolgreichen Sanierungsprogrammen oder nachhaltigen Baukonzepten können zeigen, wie Bezahlbarkeit und Klimaziele besser verbunden werden können.

Wohnraum als Standortfaktor

Bezahlbares Wohnen ist auch ein Standortfaktor. Länder und Städte, die qualifizierte Arbeitskräfte, Unternehmen, Studierende und Investoren anziehen wollen, müssen Wohnraum bieten, der verfügbar und bezahlbar ist. Sonst wird wirtschaftliches Wachstum durch soziale und räumliche Engpässe gebremst.

Für Zypern ist dies besonders relevant. Die Insel entwickelt sich zunehmend als Standort für internationale Unternehmen, Technologie, Dienstleistungen, Bildung und Investitionen. Diese Entwicklung bringt Menschen ins Land und schafft wirtschaftliche Dynamik. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Wohnraum. Wenn der Wohnungsmarkt nicht Schritt hält, kann die Standortattraktivität leiden.

Auch für lokale Unternehmen ist Wohnraum entscheidend. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen dort wohnen können, wo sie arbeiten. Wenn die Mieten in wirtschaftlichen Zentren zu hoch werden, entstehen Pendelprobleme, soziale Belastungen und Fachkräfteengpässe.

Deshalb ist Wohnungspolitik nicht nur Sozialpolitik. Sie ist Teil einer umfassenden Standortstrategie. Wer Wachstum will, muss auch Wohnraum planen. Sonst baut man wirtschaftliche Dynamik auf einem Fundament, das für viele Bürger zu teuer wird.

Bezahlbarkeit und Qualität gemeinsam denken

Ein wichtiger Punkt ist die Verbindung von Bezahlbarkeit und Qualität. Bezahlbares Wohnen darf nicht bedeuten, dass Menschen in schlechten, ineffizienten oder ungesunden Wohnungen leben. Ebenso darf nachhaltiges Wohnen nicht nur für Wohlhabende zugänglich sein.

Die europäische Debatte muss daher mehrere Ziele gleichzeitig verfolgen: ausreichend Wohnraum, faire Kosten, Energieeffizienz, gute Lage, soziale Durchmischung, Barrierefreiheit, Sicherheit und Lebensqualität. Das ist anspruchsvoll, aber notwendig.

Gerade soziale Wohnprogramme sollten nicht auf Mindeststandards reduziert werden. Gute Wohnqualität kann langfristig Kosten sparen, etwa durch geringeren Energieverbrauch, bessere Gesundheit, stabilere Nachbarschaften und weniger soziale Folgekosten.

Auch nachhaltige Stadtplanung spielt eine Rolle. Wohnungen sollten nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Zusammenhang mit Verkehr, Schulen, Gesundheitsversorgung, Grünflächen, Arbeitsplätzen und digitaler Infrastruktur. Ein günstiges Zuhause verliert an Qualität, wenn es weit entfernt von allem liegt, was Menschen täglich brauchen.

Die Bedeutung des offenen Dialogs

Das Treffen in Nikosia wird ausdrücklich als Rahmen für offenen Dialog beschrieben. Diese Offenheit ist wichtig, weil Wohnungspolitik keine einfache Einheitslösung kennt. Die Märkte der Mitgliedstaaten unterscheiden sich erheblich. Ein Modell, das in Wien funktioniert, lässt sich nicht automatisch nach Nikosia, Madrid, Helsinki oder Dublin übertragen.

Dennoch gibt es gemeinsame Leitfragen. Wie kann mehr Wohnraum geschaffen werden, ohne Nachhaltigkeitsziele zu vernachlässigen? Wie lassen sich junge Menschen und vulnerable Gruppen besser unterstützen? Wie können Bau- und Genehmigungsprozesse beschleunigt werden? Welche Rolle sollen öffentliche, private und gemeinnützige Akteure spielen? Wie verhindert man spekulative Überhitzung? Wie wird sozialer Wohnbau langfristig finanziert? Wie schützt man Mieter, ohne Investitionen abzuwürgen?

Der offene Austausch über solche Fragen ist wertvoll. Er kann helfen, nationale Debatten zu bereichern und neue Lösungsansätze sichtbar zu machen.

Fazit: Wohnen wird zur europäischen Schlüsselaufgabe

Das informelle EU-Ministertreffen zum Thema Wohnen in Nikosia markiert einen wichtigen Moment für die europäische Wohnungsdebatte. Unter der Leitung des zypriotischen Innenministers Constantinos Ioannou beraten Ministerinnen und Minister, Vertreter europäischer Institutionen und wichtige Akteure des Wohnungssektors über bezahlbares, nachhaltiges und soziales Wohnen sowie neue Entwicklungen auf den Wohnungsmärkten.

Die zypriotische EU-Ratspräsidentschaft setzt damit ein klares Signal: Wohnen gehört weit oben auf die europäische Agenda. Die Herausforderungen sind in vielen Mitgliedstaaten ähnlich: steigende Kosten, strukturelle Engpässe, demografische Veränderungen, soziale Belastungen und die Notwendigkeit nachhaltiger Bau- und Wohnmodelle.

Das Treffen soll Dialog fördern, Zusammenarbeit stärken und zu einer inklusiveren sowie widerstandsfähigeren Wohnlandschaft in Europa beitragen. Es geht um mehr als Baupolitik. Es geht um soziale Gerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, Klimaanpassung, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und Lebensqualität.

Für Zypern ist die Ausrichtung dieses Treffens besonders passend. Die Insel erlebt selbst, wie dynamische Entwicklung, internationale Nachfrage und begrenzter Raum wohnungspolitische Fragen verschärfen können. Gleichzeitig bietet Zypern als Gastgeber einen Ort, an dem europäische Wohnpolitik mit mediterraner Realität verbunden wird.

Am Ende steht eine einfache Wahrheit: Ein Europa, das Demokratie, soziale Kohäsion und nachhaltige Entwicklung ernst nimmt, muss auch die Wohnungsfrage ernst nehmen. Denn ein Zuhause ist nicht nur ein Dach über dem Kopf. Es ist Sicherheit, Würde, Familie, Zukunft und gesellschaftliche Teilhabe. Oder, etwas zypriotischer formuliert: Wer gut wohnen kann, lebt nicht nur besser – er kann auch gelassener auf das Meer schauen, ohne dabei an die nächste Mieterhöhung zu denken.

Quelle: CYPRUS NEWS AGENCY (CNA)

 
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