Migration soll von einem Problem zu einer Lösung werden

Zyperns neue Migrationslinie: Wie die Regierung Migration vom Krisenthema zum Ordnungs- und Arbeitsmarktinstrument machen will

Die zyprische Regierung verfolgt nach eigener Darstellung ein ehrgeiziges Ziel: Migration soll von einem Problem zu einer Lösung werden – und zwar so, dass sie zur Stärkung der Wirtschaft, zur Wahrung des sozialen Zusammenhalts sowie zur Sicherung von öffentlicher Ordnung und Sicherheit beiträgt. So formulierte es der stellvertretende Minister für Migration und internationalen Schutz, Nicholas Ioannides, bei der Vorstellung des Tätigkeitsberichts seines Ministeriums für das Jahr 2025. Die Aussage ist politisch bewusst gewählt. Sie signalisiert, dass die Regierung Migration nicht mehr allein als Defensivfeld begreift, in dem Ankünfte reduziert und Verfahren abgearbeitet werden müssen, sondern als strategisches Politikfeld, in dem Asyl, Rückkehr, legale Arbeitsmigration, Integration und Sicherheitsfragen zusammengeführt werden sollen. 

Gleichzeitig ist der Ton des Berichts klar ordnungspolitisch. Ioannides betonte, dass die Regierungsstrategie messbare Ergebnisse liefere: Im Vergleich zu 2022 seien die irregulären Ankünfte 2025 um 86 Prozent zurückgegangen, die neuen Asylanträge um 87 Prozent gesunken, und auch die offenen Asylfälle hätten sich im Vergleich zu 2024 um 34 Prozent reduziert. Hinzu komme eine Rekordzahl bei den Rückführungen: 12.029 Abgänge von Drittstaatsangehörigen im Jahr 2025 – der höchste jemals verzeichnete Wert – sowie 31.312 Abgänge seit Amtsantritt der Regierung bis zum 28. Februar 2026. Diese Zahlen sind der Kern des Regierungsnarrativs: weniger irreguläre Zuwanderung, schnellere Verfahren, mehr Rückführungen und eine bessere Steuerung legaler Zuwanderung. 

Eine politische Wende in einem lang belasteten Politikfeld

Um die Tragweite dieser Aussagen zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, welche Rolle Migration in Zypern in den vergangenen Jahren gespielt hat. Die Insel gehörte gemessen an Bevölkerung und Wirtschaftsleistung zu jenen EU-Staaten, die besonders stark unter Migrations- und Asyldruck standen. Die EUAA verwies Anfang 2026 darauf, dass Griechenland und Zypern im Jahr 2025 zu den Ländern gehörten, die relativ zu Bevölkerung und BIP die meisten Asylanträge registrierten. Auch die Europäische Kommission stellte in ihrem ersten jährlichen Migrationsbericht fest, dass Zypern zwischen Juli 2024 und Juni 2025 weiterhin unter unverhältnismäßigem Migrationsdruck stand – insbesondere wegen illegaler Grenzübertritte, Asylanträge und der Belastung in Relation zu Wirtschafts- und Bevölkerungsgröße.

Vor diesem Hintergrund wirkt die jetzige Bilanz der Regierung wie der Versuch, ein lange dominierendes Krisennarrativ durch ein Kontrollnarrativ zu ersetzen. Die Botschaft lautet: Zypern ist nicht mehr primär passives Zielland eines überlasteten Systems, sondern gewinnt wieder Steuerungsfähigkeit zurück. Das ist innenpolitisch wichtig, weil Migration in Zypern seit Jahren ein hochsensibles Thema ist. Es ist aber auch europapolitisch relevant, weil der neue Pakt zu Migration und Asyl genau auf die Frage zielt, wie Mitgliedstaaten mit hohem Druck ihre Systeme stabilisieren und gleichzeitig in ein europäisch koordiniertes Regelwerk eingebunden werden können.

86 Prozent weniger irreguläre Ankünfte – ein drastischer Rückgang mit politischer Sprengkraft

Die wohl auffälligste Zahl des Berichts ist der Rückgang der irregulären Ankünfte um 86 Prozent gegenüber 2022. Wenn diese Vergleichsgröße zugrunde gelegt wird, bedeutet das tatsächlich eine massive Veränderung im Migrationsgeschehen. Ein so starker Rückgang verändert nicht nur Statistiken, sondern den gesamten politischen Handlungsspielraum. Weniger Ankünfte bedeuten weniger Druck auf Erstaufnahme, geringere Belastung der Asylverwaltung, weniger Kosten bei Unterbringung und Versorgung und mehr Möglichkeiten, Verfahren geordnet abzuarbeiten. 

Allerdings ist die Interpretation dieser Zahl nicht trivial. Ein Rückgang irregulärer Ankünfte kann aus mehreren Faktoren resultieren: strengeren Grenzkontrollen, veränderten Routen, Abschreckungseffekten, sinkender Attraktivität des Ziellandes, wirksameren Rückführungen oder allgemeinen Veränderungen in der Region. Die Regierung legt den Schwerpunkt klar auf ihre eigene Politik. Aus europäischer Perspektive darf man ergänzen: Das gesamte Umfeld hat sich verändert. Die Haltung der Mitgliedstaaten zur Migration ist restriktiver geworden, das EU-Recht wurde mit dem neuen Pakt neu geordnet, und operative Kooperationen zwischen Staaten und Agenturen wurden ausgebaut. Ioannides selbst formulierte genau das, als er sagte, nicht nur Gesetze und Infrastruktur, sondern auch die Einstellungen in Europa hätten sich verändert. 

87 Prozent weniger neue Asylanträge: Entlastung für ein überdehntes System

Fast ebenso spektakulär ist der Rückgang der neuen Asylanträge um 87 Prozent im Vergleich zu 2022. Für ein Asylsystem ist das von enormer Bedeutung, denn die eigentliche Belastung entsteht nicht nur durch physische Ankünfte, sondern durch das Verfahren selbst: Registrierung, Prüfung, Unterbringung, Versorgung, Rechtsmittel, Übersetzung, Datenerfassung und gegebenenfalls spätere Integration oder Rückführung. Wenn neue Anträge so stark zurückgehen, kann eine Verwaltung überhaupt erst beginnen, sich aus dem Krisenmodus zu lösen. 

Passend dazu berichtete Ioannides, dass die offenen Asylverfahren im Vergleich zu 2024 um 34 Prozent gesunken seien. Auch das ist ein entscheidender Befund. Ein Asylsystem scheitert oft weniger an der reinen Zahl neuer Fälle als an einem Rückstau unbearbeiteter Altverfahren. Wer die Rückstände reduziert, erhöht nicht nur die Effizienz, sondern auch die Legitimität des Systems. Denn ein nachhaltiges Asylregime braucht gerade beides: Schutz für Berechtigte und zügige Ablehnung bzw. Rückführung bei nicht schutzberechtigten Anträgen. Genau diesen Punkt betonte Ioannides mehrfach, als er erklärte, das System müsse nachhaltig bleiben, damit jenen geholfen werden könne, die tatsächlich Anspruch auf Schutz hätten.

Rekordzahl bei Rückführungen: Zypern setzt auf Abgänge statt bloß auf Verwaltung

Besonders offensiv präsentiert die Regierung ihre Zahlen zu Rückführungen. Laut Ioannides verließen im Jahr 2025 insgesamt 12.029 Drittstaatsangehörige die Republik Zypern – mehr als je zuvor. Seit Beginn der aktuellen Regierung bis Ende Februar 2026 seien es sogar 31.312 gewesen. Zugleich betonte der Vize-Minister, dass 70 Prozent der Rückführungen 2025 im Rahmen unterstützter freiwilliger Rückkehrprogramme erfolgt seien, die zu 90 Prozent aus europäischen Mitteln kofinanziert würden. Allein zwischen dem 1. Januar und dem 28. Februar 2026 seien bereits 1.341 Abgänge registriert worden.

Diese Zahlen haben politische Schlagkraft, weil Rückführungen in der europäischen Migrationspolitik zu den schwierigsten, aber auch symbolträchtigsten Themen gehören. Viele Staaten erlassen Rückkehrentscheidungen, scheitern aber bei der tatsächlichen Durchsetzung. Genau hier berief sich Ioannides auf die Europäische Kommission, die in ihrem ersten jährlichen Bericht zum Pakt festgestellt habe, dass Zypern zwischen Juli 2024 und Juni 2025 doppelt so viele Drittstaatsangehörige nach einer Ausreiseanordnung zurückführte wie im Vorjahreszeitraum. Die Kommission schreibt in ihrem Durchführungsbeschluss außerdem, Zypern habe trotz weiter bestehender Belastung eine verbesserte Lage gezeigt und insbesondere bei Rückführungen deutlich zugelegt.

Gerade der hohe Anteil freiwilliger Rückkehrprogramme ist bemerkenswert. Er zeigt, dass die Regierung nicht nur auf Zwang setzt, sondern auch auf administrative und finanzielle Instrumente, die Rückkehr organisatorisch erleichtern. Das ist sowohl humanitär als auch fiskalisch sinnvoller als ein ausschließlich repressiver Ansatz. Gleichzeitig reduziert es Konfliktpotenzial im Vollzug. In trockener Sprache heißt das: Wer Rückkehr politisch will, braucht nicht nur scharfe Gesetze, sondern funktionierende Programme.

Der Pakt zu Migration und Asyl als roter Faden der Reformen

Ioannides stellte seinen Bericht ausdrücklich in den Kontext der Umsetzung des neuen Europäischen Pakts zu Migration und Asyl. 2025 sei ein Schlüsseljahr gewesen, um die zentrale strategische Zielsetzung des Ministeriums voranzubringen – eben auch mit Blick auf die Implementierung des Pakts. Dieser Verweis ist wesentlich, denn der Pakt ist kein punktuelles Reformgesetz, sondern ein ganzes Bündel neuer Verfahren, Zuständigkeiten und Standards, das ab Juni 2026 wirksam werden soll. Die Kommission beschreibt ihn als erstmals umfassenden und einheitlichen Rechtsrahmen für ein koordiniertes europäisches Migrationsmanagement.

Zypern bereitet sich laut Ioannides auf mehreren Ebenen darauf vor. Dazu gehören die Änderung des bestehenden Flüchtlingsgesetzes, die Neukodifizierung des Flüchtlingsrechts, die Überarbeitung der Standardarbeitsabläufe des Asylservices, die Benennung des Erstaufnahmezentrums Pournara als Kontroll-, Screening-, Aufnahme- und Identifizierungszentrum sowie die Schaffung der dafür notwendigen Verfahren. All das zeigt: Die Regierung will nicht erst reagieren, wenn der Pakt in Kraft tritt, sondern ihre internen Strukturen bereits vorher anpassen. 

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Neue Gesetzeslage: subsidiärer Schutz kann bei Gefährdung entzogen werden

Ein besonders politisch sensibles Element der Reformen ist die Änderung des bestehenden Flüchtlingsgesetzes, die es der Republik nun erlaubt, den subsidiären Schutzstatus zu entziehen, wenn der Inhaber eine Gefahr für die öffentliche Ordnung oder die nationale Sicherheit darstellt. Ioannides verwies darauf ausdrücklich und betonte, dass diese neue Rechtsgrundlage bereits geschaffen wurde. Damit erhält der Staat ein schärferes Instrumentarium gegenüber Schutzberechtigten, die schwere Straftaten begehen oder als Sicherheitsrisiko gelten. 

Diese Maßnahme ist politisch erwartbar, aber rechtlich sensibel. Sie fügt sich in einen europäischen Trend ein, Schutzsysteme stärker auf Missbrauch und Sicherheitsrisiken hin zu überprüfen. Gleichzeitig ist sie ein Beispiel dafür, wie stark Zypern sein Asylsystem inzwischen mit dem Thema öffentliche Ordnung verschränkt. Das mag aus Sicht der Regierung konsequent sein, bedeutet aber auch, dass Asylpolitik nicht mehr nur als humanitäre oder verwaltungstechnische Materie behandelt wird, sondern immer stärker als Teil innerer Sicherheitspolitik.

Pournara, Limnes und das Pre-Departure Center: Infrastruktur als Machtfrage

Neben Gesetzgebung und Verfahren hob Ioannides besonders die Infrastruktur hervor. Das Aufnahmezentrum Pournara werde mit Mitteln der Europäischen Kommission renoviert und befinde sich in der Endphase. Das neue Aufnahmezentrum in Limnes mit einer Kapazität von 1.000 Personen werde mit EU-Mitteln errichtet und solle die Möglichkeit verbessern, Asylsuchende würdig unterzubringen und zugleich die Überlastung urbaner Räume zu reduzieren. Hinzu komme ein Pre-Departure Center mit einer Kapazität von 800 Personen, von dem bereits die erste Zone in Betrieb sei. Dieses Zentrum solle Tempo und Effizienz der Rückführungen verbessern. 

Solche Bauprojekte sind keineswegs bloße Verwaltungsdetails. Im Migrationsbereich ist Infrastruktur ein Machtfaktor. Wer Aufnahme, Screening, Identifikation, Unterbringung und Rückführung geordnet organisieren will, braucht die entsprechenden Räume. Fehlen sie, kippt selbst ein gut gemeinter Rechtsrahmen schnell in operative Überforderung. Zypern scheint genau daraus gelernt zu haben. Es investiert nicht nur in Gesetze, sondern in physische Kapazität – und zwar mit europäischer Mitfinanzierung. Das ist auch fiskalisch relevant, denn Ioannides erklärte später, mehr als 60 Prozent der migrationsbezogenen Kosten würden durch EU-Kofinanzierung oder Kooperation mit anderen Staaten wie der Schweiz getragen. 

Syrer als größte Gruppe – und als politischer Prüfstein

Ein Schwerpunkt des Berichts betrifft syrische Staatsangehörige, die laut Ioannides weiterhin die größte demografische Gruppe unter den Antragstellern auf internationalen Schutz bilden. Gleichzeitig sei 2025 eine erhebliche Zahl anhängiger syrischer Anträge zurückgezogen worden, Schutzstatus seien widerrufen worden, und insgesamt seien bis Ende des Jahres 4.081 Syrer in ihre Heimat zurückgekehrt. Seit dem Regierungswechsel in Syrien im Dezember 2024 hätten sogar „nahezu fünf Tausend“ Personen ihre Anträge zurückgezogen oder ihren Status aufgegeben, und die Zahl steige weiter. 

Hier zeigt sich der politisch heikelste Teil der Regierungsstrategie. Ioannides argumentiert sehr offen, viele Anträge von Syrern seien inzwischen missbräuchlich, weil die Voraussetzungen nach internationalem und europäischem Recht nicht mehr erfüllt seien. „Viele Anträge sind exzessiv“, sagte er sinngemäß, Menschen kämen klar zum Arbeiten, ohne einer Gefahr ausgesetzt zu sein, und deshalb würden diese Anträge abgelehnt. Einige dieser Ablehnungen seien bereits von Gerichten bestätigt worden. Diese Linie ist juristisch und politisch weitreichend. Sie signalisiert eine deutliche Verschärfung der Prüfung und zugleich eine Veränderung in der Bewertung Syriens als Herkunftsland. 

Integration als Gegenstück zur Rückführung

So stark der Bericht auf Steuerung, Ablehnung und Rückkehr setzt, so wichtig ist die zweite Linie, die Ioannides ebenfalls betont: Integration legal aufhältiger Migranten. Er sprach von der Ausarbeitung der ersten umfassenden Nationalen Strategie zur Integration von rechtmäßig aufhältigen Migranten, für deren Umsetzung Mittel aus der Schweiz gesichert seien; weitere europäische Mittel würden erwartet. Damit versucht die Regierung, ein Gegengewicht zu ihrer harten Asyl- und Rückführungslinie aufzubauen. Die Botschaft lautet: Wer legal da ist, arbeiten will und sich integrieren möchte, soll nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung betrachtet werden. 

Diese Unterscheidung ist zentral für die gesamte Strategie. Auf der einen Seite steht das klare Ziel, das Asylsystem von missbräuchlichen oder nicht schutzberechtigten Anträgen zu entlasten. Auf der anderen Seite steht das Ziel, legale Migration stärker mit Arbeitsmarkt und Integration zu verbinden. Der Satz des Ministers, man wolle Menschen, die sich Sprache, Kultur und Lebensweise des Landes teilen und respektieren, willkommen heißen, während für andere die Rückführung vorgesehen sei, bringt diese Dualität auf den Punkt. Der Ton ist dabei deutlich assimilativ – aber politisch konsistent mit dem Versuch, zwischen legaler Arbeitsmigration und unerwünschter irregulärer Migration scharf zu unterscheiden. 

Legale Migration als Arbeitsmarktinstrument

Besonders aufschlussreich sind die Zahlen zu den gültigen Aufenthaltstiteln. Ende 2025 gab es laut Bericht 184.745 gültige Einwanderungsgenehmigungen. Die größte Kategorie sei die Beschäftigung in Privathaushalten, gefolgt von weiteren Kategorien, die mit den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes verbunden seien. Die Kategorie des internationalen Schutzes mache demgegenüber die kleinste Zahl an Aufenthaltstiteln aus und sei zudem die einzige mit rückläufigem Trend gegenüber dem Vorjahr. Diese Gegenüberstellung ist politisch geschickt: Sie zeigt Migration nicht als Synonym für Asyl, sondern als breites Spektrum legaler Aufenthaltstitel, das in erster Linie arbeitsmarktbezogen ist. 

Ioannides machte daraus eine klare wirtschaftspolitische Schlussfolgerung. Die Arbeitslosigkeit unter Zyprern liege inzwischen unter 5 Prozent, also nahe Vollbeschäftigung. Deshalb müssten offene Stellen zwangsläufig durch ausländische Arbeitskräfte besetzt werden. Das Migrationsministerium arbeite intensiv daran, zehntausende Anträge zu bearbeiten, um produktive Sektoren zu stützen. Gleichzeitig stellte er klar, dass legale Migration nicht unkontrolliert erfolgen dürfe. Man könne nicht irreguläre Migration eindämmen und zugleich die legale Zuwanderung ohne wirksame Kontrolle laufen lassen. Das ist ein klassisches ordnungspolitisches Argument: mehr legale Wege, aber unter strenger Verfahrensdisziplin. 

Kosten, Kofinanzierung und die fiskalische Logik der Migrationspolitik

Auf Nachfrage zu den Kosten von Asylverfahren und Rückführungen gab Ioannides eine bemerkenswert offene Antwort. Die Ausgaben für materielle Aufnahmebedingungen – also die Leistungen, die Asylbewerber nach Antragstellung erhalten – hätten sich in den vergangenen drei Jahren halbiert, also um 50 Prozent verringert. Nicht alle Asylbewerber hätten Anspruch auf Leistungen, und künftig werde zudem der Arbeitsmarktzugang nicht erst nach neun, sondern bereits nach sechs Monaten möglich sein. Insgesamt seien mehr als 60 Prozent der migrationsbezogenen Kosten durch europäische Kofinanzierung oder andere Kooperationen, etwa mit der Schweiz, gedeckt. Ziel sei es, die Belastung des Staatshaushalts weiter zu reduzieren. 

Diese fiskalische Perspektive ist wichtig. Sie zeigt, dass die Regierung Migration nicht nur sicherheits- oder arbeitsmarktpolitisch, sondern auch haushaltspolitisch betrachtet. Weniger Anträge, schnellere Verfahren und mehr Rückführungen bedeuten aus ihrer Sicht nicht nur weniger Druck auf das System, sondern auch geringere direkte Kosten. Gleichzeitig macht die hohe EU-Kofinanzierung deutlich, wie stark Zyperns Migrationspolitik inzwischen europäisch eingebettet ist. Der Staat finanziert dieses Politikfeld also nicht allein, sondern im Rahmen eines vielschichtigen Geflechts aus nationalen Ausgaben, EU-Mitteln und bilateralen Finanzierungen.

Vorbereitung auf mögliche neue Fluchtbewegungen – aber derzeit kein Anzeichen

Auf die Frage, ob die Regierung wegen der Entwicklungen in der Region neue Migrationswellen befürchte, antwortete Ioannides relativ klar: Derzeit gebe es keine entsprechenden Bewegungen. Europa insgesamt bleibe wachsam, man stehe mit der Europäischen Kommission und anderen Mitgliedstaaten in Kontakt, und mit dem neuen Pakt entstünden zusätzliche Verfahren. Gleichzeitig betonte er, alle verstünden inzwischen, dass sich eine neue Flüchtlingskrise wie 2015 nicht wiederholen dürfe. Recht, Infrastruktur und Einstellungen hätten sich verändert, und Zypern sei vorbereitet, etwaige neue Wellen zu bewältigen. 

Diese Antwort ist politisch typisch für die aktuelle europäische Migrationslage: keine Panik, aber betonte Bereitschaft; keine Hinweise auf neue Ströme, aber klare Vorsorge. Gerade für Zypern ist diese Linie wichtig, weil die Insel geographisch nah an Konflikträumen liegt und Migrationsfragen schnell mit Sicherheitsfragen verschränkt werden. Die Regierung versucht erkennbar, diese Debatte zu entemotionalisieren, ohne ihre Wachsamkeit in Frage zu stellen.

Unbegleitete Minderjährige und Roma-Zuwanderung: zwei heikle Sonderfelder

Der Bericht geht auch auf besonders sensible Gruppen ein. Bei den unbegleiteten Minderjährigen habe sich die Zahl aufgrund des allgemeinen Rückgangs der Migrationsströme deutlich reduziert; in den Aufnahmezentren befänden sich derzeit nicht mehr als etwa 150 unbegleitete Minderjährige. Seit 1. Januar 2026 liegt die Zuständigkeit für ihre Unterbringung nicht mehr beim Sozialministerium, sondern beim Migrationsministerium. Ioannides betonte, man verfolge nun einen ganzheitlichen Ansatz, der Unterbringung, Bildung, psychologische Unterstützung und Familienermittlung umfasse. Das ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass das Ministerium nicht nur auf Zahlensteuerung, sondern auch auf Schutzstandards verweisen will. 

Beim Thema Roma-Zuwanderung wiederum zeigte sich die rechtliche Komplexität. Ioannides räumte ein, dass die Zahl der Roma in Zypern zugenommen habe und dies auch vom Ministerium beobachtet werde. Zugleich betonte er, dass es sich hierbei vielfach um EU-Bürger aus Griechenland und anderen Balkanländern handle. Für diese gelten andere Regeln als für Drittstaatsangehörige: Sie können nicht einfach in Verbotslisten aufgenommen oder in gleicher Weise rückgeführt werden. Man arbeite daher mit der Polizei im Rahmen der allgemeinen Kriminalitätsbekämpfung, müsse aber rechtlich einen anderen Ansatz wählen. Hier zeigt sich sehr deutlich, dass „Migration“ politisch eben kein einheitliches Feld ist, sondern je nach Rechtsstatus der Betroffenen völlig unterschiedliche Instrumente erfordert.

Fazit: Steuerung, Rückführung, Integration – und der Versuch, das Narrativ zu drehen

Der Jahresbericht des zyprischen Migrationsministeriums für 2025 ist weit mehr als eine Verwaltungsbilanz. Er ist ein politisches Programm in Zahlen. Die Regierung will zeigen, dass sie die Kontrolle über ein lange als überlastet und krisenanfällig wahrgenommenes Politikfeld zurückgewinnt. Der Rückgang irregulärer Ankünfte um 86 Prozent, der Einbruch neuer Asylanträge um 87 Prozent, die Reduktion offener Verfahren um 34 Prozent und die Rekordzahl von 12.029 Rückführungen im Jahr 2025 bilden das statistische Rückgrat dieser Erzählung. Hinzu kommen rechtliche Verschärfungen, infrastrukturelle Ausbauten und die Anpassung an den neuen europäischen Pakt. 

Gleichzeitig versucht die Regierung, das Thema nicht allein als Sicherheits- oder Abwehrfrage zu behandeln. Mit der Integrationsstrategie, der Betonung legaler Arbeitsmigration und dem Hinweis auf fast 185.000 gültige Aufenthaltstitel macht sie deutlich, dass sie Migration auch als wirtschaftliches Instrument begreift – allerdings nur unter der Bedingung strenger Steuerung. Genau darin liegt die Leitidee der neuen Linie: Missbrauch zurückdrängen, Schutz auf Berechtigte konzentrieren, legale Arbeitsmigration ermöglichen und Integration dort fördern, wo sie wirtschaftlich und gesellschaftlich gewollt ist. Ob dieser Balanceakt gelingt, wird sich in der Praxis zeigen. Aber der politische Anspruch ist klar: Migration soll in Zypern nicht mehr als unkontrollierbares Problem erscheinen, sondern als Feld, das wieder steuerbar geworden ist – streng, pragmatisch und mit deutlich mehr ordnungspolitischem Selbstbewusstsein als noch vor wenigen Jahren.

Quelle: CYPRUS NEWS AGENCY (CNA).(cna.org.cy)

 
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