Zypern reformiert Schule „von Grund auf“

Zypern reformiert Schule „von Grund auf“

Zypern treibt eine umfassende Reform seines Bildungssystems voran – mit einem klaren Leitmotiv: „Literacy“ soll nicht mehr nur als Lesen und Schreiben verstanden werden, sondern als breites Bündel moderner Kompetenzen, die Menschen befähigen, aktiv am gesellschaftlichen, demokratischen und beruflichen Leben teilzunehmen. Das erklärte Bildungsministerin Athena Michaelidou am Montag bei einer Pressekonferenz zur Eröffnung der 6. Internationalen Bildungskonferenz „Literacies and Contemporary Society: From Skills to Practices“, die am 24. und 25. Februar 2026 im Filoxenia Conference Center in Nikosia stattfindet.

Die Konferenz wird vom Cyprus Pedagogical Institute gemeinsam mit der Universität Zypern organisiert und ist Teil des offiziellen Programms der zypriotischen EU-Ratspräsidentschaft. Sie soll eine Plattform für Dialog bieten, wie ein resilienter, inklusiver und qualitativ hochwertiger Europäischer Bildungsraum weiterentwickelt werden kann.

Michaelidou verband damit bewusst nationale Reformpolitik und europäische Agenda: Bildung wird nicht als isoliertes Ressortprojekt verstanden, sondern als Standort- und Gesellschaftspolitik – gerade in einer Zeit, in der Digitalisierung, Migration, neue Arbeitsformen und geopolitische Unsicherheiten die Anforderungen an Bildungssysteme spürbar erhöhen.


Literacy 2026: Von „Lesen & Schreiben“ zu sozialer Handlungsfähigkeit

Im Zentrum von Michaelidous Botschaft steht ein erweiterter Literacy-Begriff: Literacy sei längst aus den „engen Grenzen“ der klassischen Grundfertigkeiten herausgewachsen. Sie umfasse heute eine soziale Dimension, neue Fähigkeiten und Kompetenzen, die notwendig sind, um in modernen sozialen und beruflichen Kontexten wirksam zu handeln.

Diese Perspektive ist nicht nur pädagogische Mode. Sie passt zu den Entwicklungen in Europa, wo Bildungspolitik zunehmend darauf ausgerichtet ist, Kompetenzen (kritisches Denken, digitale Kompetenzen, Medienkompetenz, mathematische Grundbildung, Problemlösen) als Grundlage für Teilhabe und Beschäftigungsfähigkeit zu stärken – nicht nur reines Faktenwissen.

Michaelidou formulierte den Anspruch entsprechend hoch: Literacy sei ein individuelles Schlüsselasset für gleichberechtigte Teilnahme an Gesellschaft und Arbeitsmarkt und eng verknüpft mit sozialem Zusammenhalt und demokratischem Funktionieren. Literacy-Kompetenzen seien zudem ein Grundrecht jedes Bürgers und eine Pflicht des Staates, diese über Bildungssysteme zu fördern.


Reform als „kohärente, zielgerichtete Politik“: Lehrpläne, neue Inhalte, weniger Ballast

Die Ministerin beschrieb die Reform als bereits laufende, kohärente und gezielte Politik über alle Bildungsstufen hinweg. Zu den Maßnahmen gehören laut Darstellung:

  • Aktualisierung von Curricula

  • Reduktion unnötigen Materials (Entrümpelung statt Überladung)

  • Einführung neuer Fächer und Literacy-Formen im Sinne von Kernkompetenzen

  • Stärkung schülerzentrierter Ansätze

  • Ausbau der Lehrerfortbildung und Unterstützung für neue Anforderungen

Diese Liste ist politisch entscheidend, weil Reformen häufig an einem Punkt scheitern: Man ändert Ziele, aber nicht die Werkzeuge. Wenn Lehrpläne überfrachtet bleiben, neue Kompetenzen „on top“ kommen und Lehrkräfte gleichzeitig mit denselben Ressourcen arbeiten sollen, entstehen Reibungsverluste – und die Reform bleibt ein Papierprodukt. Genau deshalb betont Michaelidou die Lehrerbildung als Hebel: Nicht als „nice to have“, sondern als Voraussetzung, damit neue Anforderungen überhaupt in Klassenzimmern ankommen.


Zielbild: Nicht nur Schule ändern – sondern Gesellschaft und Wirtschaft

Bemerkenswert ist ein Satz, der die politische Flughöhe zeigt: „Unser Ziel sind nicht nur Veränderungen in der Bildung, sondern Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft.“ Das ist bewusst groß gedacht – und inhaltlich logisch: Wenn Literacy als umfassende Handlungsfähigkeit verstanden wird, dann beeinflusst Bildung nicht nur individuelle Chancen, sondern Produktivität, Innovationsfähigkeit, soziale Kohäsion und demokratische Resilienz.

Gerade im Rahmen einer EU-Präsidentschaft ist dieser Anspruch plausibel: Die EU diskutiert den Europäischen Bildungsraum nicht aus akademischer Neugier, sondern weil Bildungspolitik zunehmend als Grundlage von Wettbewerbsfähigkeit und Stabilität gilt.

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Messbare Ergebnisse: Funktionaler Analphabetismus sinkt – von 12% auf 7–8%

Auf die Frage nach greifbaren Resultaten nannte Michaelidou konkrete Daten zur Gefahr funktionaler Analphabetisierung bei Grundschulkindern. In Zypern werden Schülerinnen und Schüler am Ende der Grundschule jährlich in Basisfähigkeiten (v. a. Sprache und Mathematik) bewertet.

In früheren Jahren seien etwa 12% der Kinder als risikobehaftet registriert worden, im Sekundarbereich funktional nicht ausreichend kompetent zu sein. Nach gezielten Interventionen der letzten Jahre – besonders durch Programme zur Lehrerfortbildung – sei dieser Anteil auf 7% bis 8% gesunken. Michaelidou zeigte sich optimistisch, dass der Anteil weiter zurückgeht, wenn Maßnahmen fortgeführt und ausgebaut werden.

Politisch ist diese Zahl wichtig, weil sie zeigt: Die Reform wird nicht nur als Strukturdebatte geführt, sondern mit einem Fokus auf Outcomes. Gleichzeitig ist der Wert hoch genug, um klarzumachen: Literacy-Arbeit bleibt kein „Feinschliff“, sondern Kernaufgabe.


Strukturelles Beispiel: Technisches Gymnasium als Brücke zu Berufen und multiplen Literacies

Als Beispiel für strukturelle Reformschritte hob die Ministerin das technische Gymnasium hervor. Es fördere multiple Literacies, stärke kritisches Denken und baue Brücken zum Arbeitsmarkt, indem es Wege in technische Berufe öffnet.

Das ist europapolitisch anschlussfähig: In vielen EU-Ländern gilt berufliche Bildung als entscheidend, um Fachkräfteengpässe zu reduzieren, Jugendarbeitslosigkeit zu verhindern und Bildungsabbrüche abzufedern. Ein technisches Gymnasium kann hier als „dritter Weg“ wirken: anspruchsvoll, praxisnah, anschlussfähig – und weniger anfällig für das bekannte Problem, dass Jugendliche in rein akademischen Pfaden „aussteigen“, wenn Relevanz und Perspektive fehlen.


Schulabgang vs. Systemwechsel: Warum „300 Abgänge“ nicht gleich Dropout sind

Auf Berichte über steigende Schulabgänge reagierte Michaelidou mit einer wichtigen Differenzierung: Die Schülerzahlen insgesamt steigen. Die Zahl von etwa 300 Schülerinnen und Schülern, die im Vorjahr die Teilnahme beendet hätten, bedeute nicht dauerhaften Schulabbruch, sondern häufig Wechsel in ein anderes Bildungssystem.

Als Beispiel nannte sie ukrainische Schülerinnen und Schüler, die in Zypern eingeschrieben waren, teils Online-Unterricht nutzten und später in ihr Heimatland zurückkehrten. Damit macht die Ministerin einen Punkt, der in Statistiken oft untergeht: Mobilität und Migration erzeugen Bewegungen im System, die wie Abbrüche aussehen können, ohne Abbrüche zu sein.


Dropout-Rate in Zypern: 2–3% – und warum EU-Vergleiche oft anderes meinen

Michaelidou betonte, dass Zypern beim Schulabbruch im Sinne permanenter Abkehr „nicht besorgt“ sei: Die Dropout-Raten im Schulbereich hätten in den letzten Jahren bei etwa 2% bis 3% gelegen.

Gleichzeitig erklärte sie, dass auf EU-Ebene „Early School Leaving“ anders gemessen wird: Eurostat betrachtet dabei 18- bis 24-Jährige, die höchstens einen unteren Sekundarabschluss haben und aktuell nicht in Bildung oder Training sind. Dieses Maß umfasst also auch Personen, die ihre Bildung in früheren Jahren unterbrochen haben, teils mit Migrationshintergrund oder aufgrund von Arbeitsmigration – und bezieht sich nicht ausschließlich auf aktuell eingeschriebene Schülerinnen und Schüler.

Diese Unterscheidung ist zentral, weil sie scheinbare Widersprüche erklärt: Zypern kann im Schulsystem sehr niedrige Dropout-Quoten haben und dennoch bei Eurostat-Indikatoren je nach Jahr und Gruppenstruktur anders aussehen. Eurostat selbst zeigt, dass Early-Leaver-Quoten in der EU stark variieren und methodisch klar definiert sind.

Zusätzlich ist bekannt, dass Länderberichte wie der Education and Training Monitor für Zypern regelmäßig auf Early-Leaving-Werte und spezifische Herausforderungen (z. B. Unterschiede nach Herkunft) eingehen.
Der Kern bleibt: „Dropout“ ist nicht gleich „Dropout“ – je nachdem, ob man Systemabgang im Schuljahr oder den EU-Indikator für 18–24 misst.


Die Konferenz als EU-Signal: Zypern als aktiver Gestalter im Europäischen Bildungsraum

Michaelidou betonte, dass die Ausrichtung der Konferenz im Rahmen der EU-Präsidentschaft Zyperns organisatorische Leistungsfähigkeit und internationales Standing unterstreiche und Zypern als aktiven Akteur bei der Gestaltung des Dialogs über moderne Bildungsherausforderungen positioniere.

Faktisch ist die Konferenz im offiziellen EU-Präsidentschaftskalender verankert, inklusive Austragungsort und Termin im Filoxenia Conference Centre. Das ist mehr als Event-Marketing: Präsidentschaftsprogramme dienen dazu, Themen zu setzen, Netzwerke zu stärken und politische Diskussionen mit Fachdialog zu unterfüttern.


Einordnung: Warum „Literacies“ politisch so aufgeladen sind

Der Mehrzahl-Begriff „Literacies“ ist nicht zufällig. Er signalisiert: Moderne Gesellschaften verlangen unterschiedliche Formen von „Lesefähigkeit“ – etwa digitale, mediale, wissenschaftliche, mathematische, finanzielle oder ökologische Literacy. In der Konferenzlogik („From Skills to Practices“) geht es zudem darum, Kompetenzen nicht nur als Checkliste zu definieren, sondern als gelebte Praxis in sozialen, kulturellen und beruflichen Kontexten.

Das passt zur Grundbotschaft der Ministerin: Literacy ist kein reines Schulfachziel, sondern eine Voraussetzung für Teilhabe. In einer Zeit, in der Desinformation, digitale Plattformdynamiken und schnelle Arbeitsmarktveränderungen zunehmen, wird „Literacy“ zu einem demokratiepolitischen Schutzfaktor.


Fazit: Reformkurs mit Zahlen, Strukturen und europäischer Bühne

Zypern positioniert seine Bildungsreform 2026 entlang eines erweiterten Literacy-Verständnisses: von der Grundfertigkeit zur umfassenden Handlungsfähigkeit. Der Reformkurs setzt auf modernisierte Lehrpläne, Entrümpelung, neue Kompetenzfelder, schülerzentriertes Lernen und vor allem Lehrkräfte-Support. Gleichzeitig werden erste messbare Effekte betont: Das Risiko funktionaler Analphabetisierung in der Grundschule ist laut Ministerin von rund 12% auf 7–8% gesunken.

Beim Thema Dropout versucht die Ministerin, Debatten zu entdramatisieren und methodisch zu ordnen: Systemabgänge sind nicht automatisch Abbrüche, und EU-Indikatoren messen andere Dinge als nationale Schulstatistiken.

Und die Konferenz im Rahmen der EU-Präsidentschaft verleiht dem Ganzen Sichtbarkeit: Zypern will nicht nur reformieren, sondern die europäische Diskussion über Bildung im 21. Jahrhundert aktiv mitprägen.

Wenn man es trocken zusammenfasst: Zypern setzt auf Literacy als „Betriebssystem“ für Gesellschaft und Wirtschaft. Das ist ambitioniert – aber in Zeiten, in denen die Welt schneller wird als manche Lehrpläne, vermutlich auch alternativlos.

 
Quelle: Cyprus News Agency (CNA)
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