Nach Abschluss der Sitzungen des zweiten Agriculture and Fisheries Council (AGRIFISH) unter zypriotischer EU-Ratspräsidentschaft in Brüssel meldet Landwirtschaftsministerin Dr. Maria Panayiotou „weiteren Fortschritt“. In ihrer Erklärung betont sie vor allem drei Linien, die derzeit wie ein roter Faden durch Europas Agrar- und Ernährungspolitik laufen: Krisenresilienz (Naturkatastrophen und Tierseuchen), strategische Autonomie (Ernährungssicherheit als geopolitisches Thema) und die Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP/CAP) nach 2027.
Die zypriotische Präsidentschaft versucht damit, den AGRIFISH-Rat aus der reinen „Fördermittel- und Technokratendebatte“ herauszuziehen und ihn stärker als sicherheits- und standortpolitisches Forum zu positionieren: Wer seine Bürger ernähren kann, wer Bauern fair schützt und wer Lieferketten stabil hält, tritt auch international selbstbewusster auf. Das ist nicht nur Rhetorik – in Zeiten von Klimaschocks, Kriegen, Preisvolatilität und Lieferkettenstörungen wird „Food Security“ zur harten Währung.
1) Krisen in Spanien, Portugal und Zypern: Warum Solidarität plötzlich wieder „praktisch“ wird
Panayiotou verweist auf „jüngste Krisen“ in Spanien, Portugal und Zypern. Der Kern ihrer Botschaft: Diese Ereignisse zeigen, wie sehr Bauern und ländliche Räume heute gleichzeitig unter mehreren, miteinander verbundenen Belastungen stehen – und dass sie koordiniertes Handeln sowie Solidarität brauchen.
Wichtig ist der operative Teil: In enger Zusammenarbeit mit der Kommission würden „alle verfügbaren Ressourcen“ mobilisiert, um schnell und wirksam zu reagieren. Zusätzlich kündigt die Ministerin eine eigene, dedizierte Diskussion im März-AGRIFISH an – mit Fokus darauf, wie die EU künftig auf Naturkatastrophen und Tierkrankheiten reagiert, um Landwirte und ländliche Gemeinschaften früher und stärker zu unterstützen.
Das ist politisch klug: Wer Krisenreaktion in einen eigenen Ratspunkt hebt, verschiebt das Thema von „Ad-hoc-Hilfen“ hin zu Struktur – also zu Standards, Mechanismen, Schnelligkeit, und klareren Wegen, wie Mittel fließen. Der Subtext lautet: Wenn der Klimawandel „neue Normalität“ ist, darf die Unterstützung nicht jedes Mal neu erfunden werden.
2) Ernährungssicherheit als strategische Autonomie: Europa will nicht nur exportieren, sondern auch „durchhalten“
In der Sitzung stand laut Ministerin die Stärkung der Ernährungssicherheit im Mittelpunkt, ausdrücklich mit dem Ziel, die strategische Autonomie der EU zu erhöhen. Das soll über drei Hebel passieren:
Unterstützung des Agrarsektors
Faire Schutzmechanismen für Landwirte in der Lieferkette
Stärkung der EU-Rolle bei globaler Ernährungssicherheit
Dass „strategische Autonomie“ inzwischen auch agrarpolitisch verwendet wird, ist bezeichnend. Lange war das ein Begriff aus Energie-, Verteidigungs- oder Technologiedebatten. Nun wird er auf Nahrung übertragen: Wer seine Grundversorgung nicht stabil organisieren kann, hat ein Problem, das sich nicht mit einem Presse-Statement lösen lässt.
Für Zypern – als Insel mit hoher Importabhängigkeit – ist das Thema besonders greifbar. Wenn in Brüssel über Autonomie gesprochen wird, übersetzt sich das auf der Insel schneller in Preis- und Versorgungslagen. Genau deshalb passt es zur zypriotischen Präsidentschaft, Food Security nicht als „nice policy“, sondern als Stabilitätsfaktor zu rahmen.
3) CAP nach 2027: Nationale Empfehlungen als „Kompass“ – aber bewusst nicht bindend
Der zentrale Arbeitsstrang der Präsidentschaft bleibt laut Panayiotou die GAP/CAP nach 2027. Besonders hervorgehoben wird ein Konzept, das in der nächsten Reformphase an Bedeutung gewinnen soll: nationale Empfehlungen im Rahmen der CAP-Governance.
Die Idee: Durch einen strukturierten Austausch sollen die Mitgliedstaaten ein gemeinsames Verständnis entwickeln, wie diese Empfehlungen eine kohärente, ambitionierte und zukunftsorientierte Agrarpolitik nach 2027 unterstützen können. Panayiotou sieht die Empfehlungen als Leitmechanismus, der dabei hilft, gleiche Wettbewerbsbedingungen zu sichern und gleichzeitig nationale und regionale Besonderheiten wirklich zu berücksichtigen.
Entscheidend ist die Balance, die sie betont:
Empfehlungen sollen sich auf die Hauptprobleme der CAP fokussieren:
Einkommen & Wettbewerbsfähigkeit, Generationenwechsel, Klima- und Umweltleistung, Resilienz gegen Risiken/Krisen, Zugang zu Wissen, Innovation und Digitalisierung.Gleichzeitig sollen sie nicht rechtsverbindlich sein – also strategisch lenken, ohne den Mitgliedstaaten die Luft zu nehmen.
Sie sollen klare Orientierung geben, aber Flexibilität, Verhältnismäßigkeit und das Subsidiaritätsprinzip respektieren.
Und: Sie müssen rechtzeitig kommen, damit sie bereits früh in die nationale Planung einfließen können.
Das ist eine sehr „zypriotische“ Lesart europäischer Politik: klare Leitplanken ja, aber bitte ohne, dass ein Land mit anderen Strukturen am Ende die gleichen Instrumente einsetzen muss wie ein Agrargigant. Anders gesagt: Europa soll gemeinsam navigieren – aber nicht alle im selben Boot sitzen, wenn manche eher ein Fischerboot und andere einen Ozeandampfer steuern.
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Mehr Informationen5) EU und FAO: „Global Food Security“ ist geopolitisch – und Europa will wieder an die Spitze
Ein dritter Block der Debatte betrifft die internationale Bühne: die strategische Rolle der EU in der FAO (UN Food and Agriculture Organization). Panayiotou verweist auf geopolitische Spannungen, Konflikte und Klimaschocks, die das Risiko von Lieferkettenbrüchen, hohen Lebensmittelpreisen und Ernährungsunsicherheit erhöhen. Daraus leitet sie ab: Die EU muss die strategische Dimension der EU-FAO-Kooperation stärken und europäische Prioritäten und Werte in globaler Ernährungssicherheit sichtbarer machen.
Politisch besonders pointiert wird es beim Thema Führung: In der zweiten Hälfte 2027 steht in der FAO ein Führungswechsel an. Zwar sind EU und Mitgliedstaaten wichtige Beitragszahler – doch seit über 50 Jahren habe kein Europäer mehr den Posten des Director-General innegehabt. Panayiotou sagt: Es sei „Zeit“, dass der nächste FAO-Generaldirektor aus der EU komme, und mit rechtzeitiger Vorbereitung und strategischer Koordination habe eine solche Kandidatur realistische Erfolgschancen.
Das ist ein bemerkenswerter Anspruch – und er zeigt, wie sehr sich Agrarpolitik mit Außenpolitik verschränkt. Wer globale Regeln und Prioritäten mitprägt, beeinflusst auch, wie stark Krisen auf die EU zurückschlagen.
6) Warum die zypriotische Präsidentschaft hier einen Nerv trifft
Am Ende bezeichnet Panayiotou den Ratstag als „besonders produktiv“ und zieht eine klare Klammer: Strategische Autonomie hängt daran, dass die EU
ihre Bürger ernähren kann,
Bauern sowie ländliche und Küstengemeinschaften schützt,
und international handlungsfähig bleibt.
Die Präsidentschaft wolle in enger Zusammenarbeit mit Mitgliedstaaten und Kommission intensiv weiterarbeiten, um in den kommenden Monaten auf allen Dossiers „substanziell“ voranzukommen.
Das passt zur zypriotischen Rolle als „Honest Broker“, die die Präsidentschaft in anderen Formaten ebenfalls betont hat: moderate, aber klare Steuerung – mit Fokus auf Umsetzung statt auf Schlagworte.
Fazit: Mehr Resilienz, mehr Fairness, mehr Strategie – und weniger Illusionen
Die Erklärung nach dem zweiten AGRIFISH-Rat unter zypriotischer Präsidentschaft zeigt eine realistische Prioritätenliste: Krisenmanagement systematisieren, CAP nach 2027 strategisch vorbereiten, Landwirte in der Lieferkette stärken und Europas Rolle in globaler Ernährungssicherheit politisch ernst nehmen.
Die trockene Wahrheit lautet: Ernährungssicherheit ist das Gegenteil von romantisch – sie ist Logistik, Regeln, Geldflüsse und Verhandlungsmacht. Und genau deshalb ist sie politisch. Wenn Europa hier resilienter werden will, braucht es weniger „Kampagnen“ und mehr Mechanik: klare Empfehlungen ohne Überregulierung, harte Durchsetzung gegen unfaire Praktiken, und Kriseninstrumente, die Landwirte nicht erst unterstützen, wenn der Schaden längst auf dem Kontoauszug steht.
Zypern setzt in diesem Rat die richtigen Akzente: nicht zu großspurig, aber strategisch. Man könnte sagen: Eine Insel weiß eben, dass Versorgung kein Slogan ist – sondern Alltag.
