Zypern startet mit einem robusten Signal in das Jahr 2026: Die Arbeitslosenquote ist im 4. Quartal 2025 auf 4,0% gefallen. Damit liegt sie nicht nur unter dem Vorjahreswert von 4,5% (4. Quartal 2024), sondern auch leicht unter dem Wert des 3. Quartals 2025 (4,1%). Parallel dazu zeigen die Daten der Labour Force Survey eine klare Dynamik: Arbeitskräfteangebot und Gesamtbeschäftigung sind gestiegen – also nicht „weniger Arbeitslose“ durch Rückzug aus dem Markt, sondern mehr Aktivität und mehr Jobs.
Das Gesamtbild ist damit zunächst erfreulich: mehr Menschen nehmen am Arbeitsmarkt teil, mehr Menschen sind erwerbstätig, die Quote sinkt. Doch die Details zeigen auch die Schattenseite eines sonst sonnigen Arbeitsmarkt-Himmels: Die Jugendarbeitslosigkeit (15–24 Jahre) ist deutlich gestiegen – von 9,6% auf 14,7%. Das ist ein Warnsignal, das politisch und wirtschaftlich ernst genommen werden sollte, weil es über die unmittelbare Statistik hinaus auf Übergangsprobleme zwischen Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt hindeuten kann.
1) Kerndaten im Überblick: Quote runter, Beschäftigung rauf
Nach den veröffentlichten Cystat-Daten (über CNA) ergibt sich für das 4. Quartal 2025 folgende Kernlage:
Arbeitslosenquote: 4,0% (Q4 2024: 4,5%; Q3 2025: 4,1%)
Arbeitskräfte (Labour Force): 531.062 Personen
entspricht einer Erwerbsquote von 65,2% der Bevölkerung
(Q4 2024: 518.053 Personen; 64,3%)
Beschäftigte: 509.773 Personen
Beschäftigungsquote: 62,6% (Q4 2024: 61,4%)
Arbeitslose: 21.289 Personen (Q4 2024: 23.454)
Das ist ein konsistentes Muster: Mehr Menschen sind im Arbeitsmarkt aktiv (Erwerbsquote steigt), mehr Menschen sind beschäftigt (Beschäftigungsquote steigt), und die Zahl der Arbeitslosen sinkt.
2) Erwerbsbeteiligung: Männer höher, Frauen holen auf – aber Lücke bleibt
Die Daten weisen bei der Beteiligung am Arbeitsmarkt weiterhin den bekannten Unterschied zwischen Männern und Frauen aus:
Partizipationsrate Männer: 70,3%
Partizipationsrate Frauen: 60,4%
Diese Differenz ist relevant, weil sie nicht nur den Ist-Zustand beschreibt, sondern auch das Potenzial: In vielen Volkswirtschaften sind höhere weibliche Erwerbsquoten ein entscheidender Hebel, um Fachkräfteengpässe zu mildern, Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen zu stabilisieren und die gesamtwirtschaftliche Produktivität zu erhöhen.
Auch bei der Beschäftigung zeigt sich die Lücke:
Beschäftigungsquote Männer: 67,6%
Beschäftigungsquote Frauen: 57,9%
Die Richtung ist positiv (Beschäftigung insgesamt steigt), doch die Struktur bleibt: Zypern hat – wie viele Länder – noch Spielraum, Frauen stärker und stabiler in Beschäftigung zu bringen, insbesondere dort, wo Teilzeit, Betreuung und berufliche Entwicklung zusammenhängen.
3) „Prime Age“-Beschäftigung: 20–64 Jahre steigt auf 81,7%
Eine besonders aussagekräftige Kennzahl ist die Beschäftigungsquote im Kernarbeitsalter (20–64), weil sie weniger durch Demografie oder Bildungsphasen verzerrt wird:
Beschäftigungsquote 20–64: 81,7%
Männer: 86,2%
Frauen: 77,4%
Vergleich Q4 2024: 80,2%
Auch die Gruppe 55–64 zeigt eine deutliche Verbesserung:
Beschäftigung 55–64: 71,7% (Q4 2024: 69,9%)
Das ist wirtschaftspolitisch wichtig. Eine steigende Beschäftigung in höheren Altersgruppen bedeutet häufig: bessere Arbeitsmarktintegration, höhere Erwerbsdauer, stabilere Sozialkassen – und im Idealfall auch Wissenstransfer in Betrieben. In alternden Gesellschaften wird diese Kennzahl zunehmend zur „stillen Schlüsselgröße“.
4) Sektorstruktur: Dienstleistungen dominieren mit 81,3%
Die Verteilung der Beschäftigung nach Wirtschaftssektoren bleibt stabil und unterstreicht die Charakteristik der zypriotischen Wirtschaft:
Dienstleistungen: 81,3%
Industrie: 16,5%
Landwirtschaft: 2,2%
Damit bleibt Zypern klar eine Service-Economy. Das ist grundsätzlich weder gut noch schlecht – es erklärt aber, warum Konjunktur und Arbeitsmarkt stark von Sektoren wie Tourismus, Handel, professionellen Dienstleistungen, Finanz- und Unternehmensdienstleistungen, Bildung/Privatschulen, Gesundheitsbereich und zunehmend digitalen Dienstleistungen beeinflusst werden.
Die Stabilität gegenüber 2024 zeigt: Der Arbeitsmarkt wächst nicht durch Strukturbruch, sondern durch Ausweitung innerhalb der bestehenden Wirtschaftsform. Das kann Resilienz bedeuten – kann aber auch Abhängigkeiten verstärken, wenn einzelne Dienstleistungssegmente zu dominant werden.
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Mehr Informationen5) Teilzeit: leicht rückläufig – und weiterhin deutlich weiblicher geprägt
Teilzeit spielt in Zypern eine relativ moderate Rolle:
Teilzeitanteil: 8,6%
43.703 Personen
(Q4 2024: 8,8%)
Die Verteilung nach Geschlecht bleibt typisch:
Teilzeit Frauen: 10,4%
Teilzeit Männer: 6,9%
Der leichte Rückgang kann ein Zeichen sein, dass mehr Vollzeitstellen entstehen oder dass Beschäftigte in Vollzeit wechseln. Gleichzeitig bleibt Teilzeit ein Indikator für Vereinbarkeitsthemen: Wo Betreuung, Pflege oder familiäre Aufgaben stärker auf Frauen fallen, spiegeln sich diese Realitäten oft direkt in der Teilzeitquote.
6) Beschäftigungsformen: 90,2% Arbeitnehmer – temporäre Jobs nehmen zu
Von den 509.773 Beschäftigten sind:
90,2% Arbeitnehmer (Employees): 460.003 Personen
Davon 14,8% in temporären Jobs, gegenüber 13,6% im Vorjahresquartal
Der Anstieg temporärer Beschäftigung ist nicht automatisch negativ – er kann z. B. durch Saison, Projektarbeit oder Übergangslösungen entstehen. Aber er ist ein Signal, das beobachtet werden sollte: Temporäre Verträge können die Flexibilität erhöhen, aber auch Unsicherheit schaffen, insbesondere für junge Menschen, Familienplanung und Kreditwürdigkeit.
Wenn temporäre Beschäftigung wächst, wird oft die Frage relevant: Ist das ein „gesunder“ Übergang in stabile Jobs – oder ein strukturelles Ausweichen in weniger gesicherte Beschäftigung? Dafür braucht man Zeitreihen und Detaildaten nach Branchen und Altersgruppen. Die CNA-Meldung liefert hier zumindest einen ersten Hinweis.
7) Arbeitslosigkeit: weniger Fälle, kürzere Dauer – Langzeitarbeitslosigkeit sinkt
Positiv ist auch die Entwicklung bei der Dauer der Arbeitslosigkeit:
66,6% der Arbeitslosen suchen unter 6 Monaten Arbeit (2024: 57,9%)
Langzeitarbeitslose: 18,3% (2024: 25,4%)
Das deutet darauf hin, dass Arbeitslosigkeit häufiger kurzfristig ist und schneller in Beschäftigung mündet. Ein sinkender Langzeitanteil ist volkswirtschaftlich sehr wertvoll, weil Langzeitarbeitslosigkeit oft zu Qualifikationsverlust, sozialer Exklusion und dauerhaft schwächeren Einkommen führt.
8) Das Warnsignal: Jugendarbeitslosigkeit steigt auf 14,7%
Die stärkste negative Abweichung in der Meldung betrifft die Altersgruppe 15–24:
Jugendarbeitslosigkeit: 14,7%
Vorjahr: 9,6%
Ein Sprung dieser Größe fällt aus dem sonst positiven Muster heraus. Mögliche Gründe (ohne Spekulation als Fakt) können sein:
Übergänge von Schule/Studium in den Job sind schwieriger geworden,
Saison- oder Nebenjobs sind schwankungsanfälliger,
junge Menschen sind stärker in temporären oder instabilen Segmenten unterwegs,
stärkere Konkurrenz durch Zuzug oder sektorale Verschiebungen,
oder ein statistischer Effekt durch kleinere Fallzahlen und kurzfristige Bewegungen.
Was politisch zählt: Jugendarbeitslosigkeit hat Folgekosten. Sie verzögert Berufseinstieg, mindert Lebensverdienst, erhöht Abwanderungsdruck und kann langfristig die Produktivität bremsen. Gerade in einem Land, das Talente halten und neue Kompetenzen (digital, technisch, grün) aufbauen will, ist das eine Kennzahl, die man nicht „mit einem Achselzucken“ abheften sollte.
9) Gesamtbewertung: Ein starker Arbeitsmarkt – mit einem klaren Reformauftrag im Jugendbereich
Das vierte Quartal 2025 zeigt Zypern mit einem Arbeitsmarkt, der in wesentlichen Indikatoren solide wirkt:
Arbeitslosigkeit sinkt,
Erwerbsbeteiligung steigt,
Beschäftigung nimmt zu,
Langzeitarbeitslosigkeit geht deutlich zurück.
Das ist die Basis für wirtschaftliche Stabilität und für fiskalische Spielräume, weil mehr Beschäftigung typischerweise mehr Beitragseinnahmen und Steuereinnahmen bedeutet.
Gleichzeitig zeigt der Sprung in der Jugendarbeitslosigkeit, dass Wachstum nicht automatisch alle Gruppen gleich erreicht. Die nächste, naheliegende Diskussion für Politik und Sozialpartner lautet daher: Wie werden Übergänge (Schule–Beruf, Ausbildung–Arbeitsmarkt) effizienter? Welche Rolle spielen Berufsorientierung, Praktika, duale Elemente, technische Bildung, digitale Kompetenzen – und wie gelingt es, junge Menschen schneller in stabile Beschäftigung zu bringen?
Zypern hat in dieser Hinsicht einen Vorteil, den man nicht unterschätzen sollte: Als Insel- und Service-Standort kann es schneller Programme skalieren, Kooperationen mit Unternehmen aufbauen und Bildungswege flexibler gestalten als viele große Systeme, die an ihrer eigenen Bürokratie erst einmal vorbeireformieren müssen. (In manchen Ländern dauert allein die Ausschreibung für ein Berufsorientierungsprojekt so lange, dass die Zielgruppe inzwischen selbst Ausbilder geworden ist.)
Fazit
Die CNA-Meldung zur Arbeitskräfteerhebung zeigt: Zypern schließt 2025 arbeitsmarktseitig stark ab – mit 4,0% Arbeitslosigkeit, steigender Beschäftigung und sinkender Langzeitarbeitslosigkeit. Das ist eine solide Ausgangslage für 2026. Der klare Wermutstropfen ist jedoch die Jugendarbeitslosigkeit von 14,7%, die im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen ist und als Signal für gezielte arbeitsmarkt- und bildungspolitische Maßnahmen verstanden werden sollte.
Wer die Zahlen richtig liest, erkennt: Der Arbeitsmarkt ist robust – aber die nächste Aufgabe ist nicht, die Gesamtquote zu feiern, sondern die Brücke für junge Menschen so zu bauen, dass sie tragfähig bleibt. Denn am Ende entscheidet nicht nur, wie niedrig die Quote ist, sondern für wen sie niedrig ist.
