Zyperns Staatsfinanzen auf Kurs – aber die „Komfortzone“ ist trügerisch

Zyperns Staatsfinanzen auf Kurs – aber die „Komfortzone“ ist trügerisch

Fiskalrat-Chef Persianis: Schuldenquote bald unter 60% – zugleich wachsende Verwundbarkeit, Investitionsstau und sozialer Druck

Zypern kann derzeit mit Zahlen auftreten, die in vielen europäischen Hauptstädten eher Neid als Gelassenheit auslösen: Die öffentliche Schuldenquote fällt weiter, und sobald die offiziellen Daten für 2025 vorliegen, werde sie voraussichtlich unter 60% des BIP liegen. Das erklärte Michalis Persianis, Vorsitzender des Cyprus Fiscal Council, in einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „The Cyprus Economy: Growth, Stability and Social Dimensions“. Er geht davon aus, dass der Abwärtstrend 2026 fortgesetzt wird – und möglicherweise auch 2027. Damit sendet er ein klares Signal: Die Staatsfinanzen sind aktuell robust, die Schuldendynamik läuft in die richtige Richtung, und selbst mögliche Abweichungen bei den Ausgabenpfaden seien „kein Grund zur Sorge“ – solange die Schuldenquote weiter sinkt.

Doch Persianis nutzt die gute Nachricht nicht als Anlass für Selbstzufriedenheit. Im Gegenteil: Seine Aussagen lesen sich wie eine Warnung vor einer sehr mediterranen Versuchung – der Idee, dass schon alles irgendwie gut gehen wird, solange das Wachstum stimmt und die Schuldenquote fällt. Denn genau hier setzt seine zentrale Kritik an: Das Wachstum ist real, aber nicht breit genug, die Investitions- und Finanzierungsbedarfe der kommenden Jahre sind erheblich, und die politische Budgetstruktur droht zukünftige Regierungen in prozyklische Muster zu zwingen – also in genau die Art von Politik, die in Krisen die Handlungsspielräume verkleinert.


1) Schulden unter 60% – und dennoch „kein Freibrief“

Persianis betont zwei Dinge gleichzeitig:

  1. Schuldenquote: Der Trend bleibt abwärtsgerichtet und soll unter 60% des BIP fallen, sobald die endgültigen 2025er Zahlen veröffentlicht sind.

  2. Ausgabenpfad: Es könne zwar zu Überschreitungen gegenüber dem vereinbarten Pfad der net primary national expenditure kommen – also jener Ausgabenregel, zu der sich die Republik verpflichtet hat. Trotzdem bestehe „keine Sorge“, dass daraus automatisch Maßnahmen oder Zwangskorrekturen folgen müssen, weil die Schuldenquote sinkt und unter 60% liegt.

Das ist fiskalpolitisch ein entscheidender Punkt: In Europa ist nicht nur das Niveau der Schulden relevant, sondern die Richtung und die Glaubwürdigkeit des Kurses. Zypern scheint derzeit beides liefern zu können: sinkende Quote und die Erwartung, dass diese Dynamik auch 2026/27 trägt.

Zusätzlich verweist Persianis auf einen weiteren Stabilitätsanker: Die liquiden Mittel des Staates lägen weiterhin bei knapp 10% des BIP. Das verschafft dem Staat, so seine Formulierung, „zusätzliche Optionen“. In der Praxis bedeutet das: Reservekapazität für Schocks, Vorfinanzierung von Maßnahmen oder die Möglichkeit, in Krisen schneller zu reagieren.


2) Inflation: 2025 „fast null“, 2026 leicht über 2%

Auch zur Preisentwicklung gab Persianis eine Einordnung: Die Inflation habe 2025 nahezu Null-Trends gezeigt (etwa 0,2%) und werde 2026 leicht über 2% liegen. Damit bewegt sich die Erwartung in Richtung einer normalisierten, moderaten Inflationslage – ohne die extremen Ausschläge, die Europa in den Jahren zuvor erlebt hat.

Diese Kombination aus sinkender Schuldenquote, hohen Liquiditätsreserven und moderater Inflation klingt nach einem ausgesprochen freundlichen Makro-Setting. Persianis’ Botschaft ist jedoch: Genau solche Phasen sind gefährlich, weil sie politisch oft zu der Annahme verleiten, man könne Probleme weiter schieben – bis sie „reifen“ und nicht mehr schiebbar sind.


3) Der wunde Punkt: Wachstum aus wenigen, mobilen Branchen

Der schärfste Teil seiner Analyse betrifft die Struktur des Wachstums. Trotz hoher Wachstumsraten sei die zypriotische Expansion stark abhängig von wenigen Sektoren, die wiederum auf hochmobile, ausländisch kontrollierte Unternehmen setzen. Das mache Wirtschaft und Staatsfinanzen verwundbarer.

Das ist eine nüchterne Feststellung: Wenn Wertschöpfung stark von Akteuren abhängt, die schnell Standorte wechseln können, dann wird der Standort zwar kurzfristig dynamisch – aber langfristig risikobehaftet. Diese „Mobilitätsprämie“ kann kippen, wenn regulatorische Veränderungen, geopolitische Spannungen oder globaler Wettbewerb andere Anreize setzen.

Zugleich erwartet Persianis, dass in den kommenden Jahren die Forderungen nach zusätzlichen Sozialausgaben steigen werden. Das ist keine moralische Aussage, sondern ein struktureller Hinweis: Wenn Wachstum nicht breit in den Haushalten ankommt, steigt der politische Druck auf Ausgleichsmechanismen.


4) Investitionsstau mit Sprengkraft: Wasser, Energie, Verkehr, Katastrophenschutz, Verteidigung

Persianis nennt „signifikante Finanzierungsbedarfe“, die in den nächsten Jahren reifen – also zu einem Punkt kommen, an dem weiteres Aufschieben nicht mehr möglich ist. Dazu zählt er:

  • Wasserinfrastruktur

  • Energie

  • Transport

  • Schutz vor Naturkatastrophen

  • Verteidigung

Seine Aussage ist bemerkenswert klar: Viele dieser Bedarfe könnten so „reifen“, dass man sie in den kommenden Jahren nicht mehr verschieben kann – und genau dadurch entstünde ein erhebliches Risiko für die öffentlichen Finanzen.

Das ist der klassische Mechanismus fiskalischer Stressphasen: Nicht die heutige Schuldenquote entscheidet, sondern der Moment, in dem mehrere große Ausgabenblöcke gleichzeitig „zwingend“ werden – und sich dann mit wirtschaftlichen Abkühlungen oder externen Schocks überlagern.

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5) Prozyklische Falle: starre Ausgaben und fehlender Spielraum

Ein weiterer Schwerpunkt von Persianis: Die Budgetstruktur mit hohem Anteil starrer Ausgaben zwinge Regierungen in prozyklische Politik. Das bedeutet: In guten Zeiten werden Ausgaben fest „eingebaut“, in schlechten Zeiten fehlt der Spielraum – dann werden entweder Steuern erhöht oder Investitionen gekürzt, was wiederum die Krise verstärkt.

Diese Dynamik kennt man aus vielen Ländern: Der politische Reflex ist oft, laufende Ausgaben zu erhöhen (weil es sofort sichtbar ist), während langfristige Investitionen und strukturelle Reformen weniger Stimmen bringen, aber mehr Zukunft sichern. Persianis warnt genau vor dieser Schieflage: Ausgabenprioritäten würden keine langfristigen Lösungen für Probleme liefern, die sich verschärfen.


6) Beispiel Verkehr: Mehr Straßen, aber zu wenig ÖPNV-Strategie

Als konkretes Beispiel nennt er die Verkehrsüberlastung. Trotz anhaltender Ausgaben werde weiterhin vor allem der Straßenausbau priorisiert – ohne substanzielle Infrastrukturinvestitionen oder mittelfristige Planung zur Stärkung des öffentlichen Massenverkehrs.

Der Subtext ist deutlich: Wenn man Stau mit noch mehr Straße bekämpft, bekommt man oft – wie überraschend – später wieder Stau, nur auf mehr Asphalt. Und während man im Sommer in Zypern immerhin mit Meerblick im Stau stehen kann, ist das in manchen deutschen Ballungsräumen eher… charakterbildend.

Er sagt zudem: Ein ähnliches Bild zeige sich bei Energie, Klimarisiken, Wassermanagement und Wohnen. Also genau jenen Feldern, die in den nächsten Jahren sowohl politisch als auch finanziell Druck erzeugen werden.


7) Löhne und Lebensrealität: Warum „Durchschnitt“ nicht bei allen ankommt

Persianis kritisiert zudem die Interpretation von Lohn- und Einkommenszahlen. Steigende durchschnittliche Reallöhne seien stark durch große Anstiege in wenigen Sektoren getrieben. Offizielle Daten würden deshalb das reale Haushaltseinkommen überzeichnen.

Das erklärt seine Erwartung steigender Forderungen nach sozialer Unterstützung: Wenn die Makrozahlen gut aussehen, aber die Haushalte nur marginal mehr „spüren“, entsteht politischer und gesellschaftlicher Druck.

Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang seine Aussage zur wachsenden Lücke zwischen Bruttonationaleinkommen (GNI) und BIP: Diese Differenz nähere sich 12% des BIP und steige weiter, weil Primäreinkommen aus Zypern abfließen. Das heißt: Ein Teil der Wertschöpfung, die im BIP sichtbar ist, landet nicht in zypriotischen Haushalten, sondern fließt als Gewinne, Zinsen oder ähnliche Einkommen ins Ausland.

Sein Fazit ist entsprechend: Obwohl das BIP pro Kopf gestiegen sei, sei der Zuwachs beim verfügbaren Haushaltseinkommen nur marginal gewesen. Das ist die „harte Wahrheit“ hinter glänzenden Wachstumszahlen: BIP ist nicht gleich Geldbeutel.


8) Zentralbank-Perspektive: Wachstum und Resilienz, aber außenwirtschaftliche Schwäche

Am Panel nahm auch Marios Polemidiotis teil, Leiter der Sektion Economic Analysis and Monetary Policy in der Forschungs- und Analyseabteilung der Zentralbank. Er zeichnete ein Bild von Wachstum und Resilienz trotz unsicherem externem Umfeld. Der Arbeitsmarkt sei „tight“, aber flexibel – gestützt durch zypriotische und ausländische Arbeitskräfte.

Er betonte:

  • Löhne hätten sich moderiert,

  • Produktivitätswachstum setze sich fort,

  • Zypern halte einen Kostenvorteil gegenüber der Eurozone,

  • die Inflation, nach rund sechs Monaten nahe Null, sei im Januar 2026 wieder näher am Ziel.

Gleichzeitig benennt er die Achillesferse: Das Leistungsbilanzdefizit bleibe hartnäckig hoch. Zwar helfe ein gestiegener Dienstleistungsüberschuss, doch das werde durch eine Verschlechterung bei der Güterhandelsbilanz und bei der Primäreinkommensbilanz überkompensiert. Genau hier trifft sich seine Analyse mit Persianis: Außenwirtschaft und Einkommensabflüsse sind strukturelle Schwachstellen.

Positiv hebt er hervor, dass die private Verschuldung seit ihrem Peak 2015 sinke. Bankenreformen, Konsolidierung und strengere Kreditstandards hätten das Kreditwachstum auf handhabbare Niveaus begrenzt. Für den mittleren Horizont erwartet er weiterhin starkes Wachstum, niedrige Arbeitslosigkeit und Inflation nahe 2%.


9) Cyprus Economic Society: Öffentlicher Sektor und Banken als „Fortresses“, Außenbereich als Risiko

Der Ökonom Ioannis Tirkides, Präsident der Cyprus Economic Society, bringt es plakativ auf den Punkt: Öffentlicher und Bankensektor seien mittlerweile „Fortresses“ – also Festungen – mit hoher Liquidität und niedriger Verschuldung. Der private Sektor heile, bleibe aber durch Altlasten belastet.

Sein Hauptpunkt: Der externe Sektor sei die primäre Verwundbarkeit, insbesondere weil die ausländische Eigentümerschaft an inländischen Assets zunimmt. Gleichzeitig sei der steigende Überschuss in der Güter- und Dienstleistungsbilanz eine positive Entwicklung.


Fazit: Gute Zahlen – aber jetzt entscheidet die Prioritätensetzung

Die Pressemitteilung zeichnet ein Bild, das man so zusammenfassen kann:

  • Staatsverschuldung sinkt, wohl unter 60% des BIP; Liquiditätsreserven sind hoch.

  • Inflation ist moderat, mit erwarteter Normalisierung 2026.

  • Wachstum ist stark, aber schmal und dadurch anfällig.

  • Große Investitionsbedarfe reifen heran: Wasser, Energie, Verkehr, Katastrophenschutz, Verteidigung.

  • Sozialer Druck dürfte steigen, weil die Haushalte vom Wachstum weniger spüren als das BIP suggeriert.

  • Außenwirtschaft bleibt das zentrale Risiko (Leistungsbilanz, Primäreinkommensabflüsse, ausländische Kontrolle mobiler Sektoren).

Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre ist nicht, ob Zypern heute „gut dasteht“ – das tut es in vielen Kennzahlen. Die Frage ist, ob die politische Budgetlogik die richtigen Prioritäten setzt: weg von kurzfristig bequemen, starren Ausgaben, hin zu Investitionen, die langfristige Probleme entschärfen. Denn wenn Wasser, Energie, Wohnen und Mobilität gleichzeitig „nicht mehr verschiebbar“ werden, dann hilft auch eine Schuldenquote unter 60% nur begrenzt – sie ist dann eher der Startpunkt, nicht die Lösung.

Oder mediterran-nüchtern gesagt: Der Himmel ist blau, das Meer glitzert – aber wer die Fundamente nicht repariert, braucht sich nicht wundern, wenn irgendwann der erste Riss genau dann kommt, wenn man ihn am wenigsten gebrauchen kann.

 

Quelle: Cyprus News Agency (CNA)

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