Zypern übernimmt zum zweiten Mal die EU-Ratspräsidentschaft

Zypern übernimmt zum zweiten Mal die EU-Ratspräsidentschaft

Eine europäische Mission zwischen Geschichte, geopolitischer Verantwortung und strategischer Autonomie

Mit dem Jahresbeginn hat die Republik Zypern zum zweiten Mal in ihrer Geschichte die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union übernommen. Für sechs Monate schlägt das politische Herz der Union vom südöstlichsten Rand Europas – aus einem Land, das seit 2004 Mitglied der EU ist, seit 2008 dem Euroraum angehört und bis heute der letzte faktisch geteilte Mitgliedstaat der Europäischen Union bleibt.

Nach der ersten Präsidentschaft im Jahr 2012 tritt Zypern nun deutlich gereifter, wirtschaftlich robuster und außenpolitisch vernetzter auf. Die zweite EU-Ratspräsidentschaft wird nicht als rein institutionelle Pflicht verstanden, sondern als nationale Mission mit europäischer Tragweite.


1. Eine Präsidentschaft mit Symbolkraft

Dass ausgerechnet Zypern in einer Phase tiefgreifender geopolitischer und geoökonomischer Umbrüche den Vorsitz im Rat der EU übernimmt, ist mehr als Zufall. Die Inselrepublik bringt eine besondere Perspektive ein: Grenzstaat der EU, Brücke zum Nahen Osten, Mitglied einer Union, deren Recht auf einem Teil ihres Territoriums faktisch suspendiert ist – und dennoch fest verankert im europäischen Projekt.

Das offizielle Motto der Präsidentschaft bringt diesen Anspruch auf den Punkt: Stärke durch Einheit. Ein bewusst europäischer Leitsatz, getragen von der Überzeugung, dass Integration nicht Schwäche, sondern Handlungsfähigkeit schafft.


2. Die Eröffnungszeremonie: Geschichte als Teil Europas

Der feierliche Auftakt der Ratspräsidentschaft findet am 7. Januar im THOC Theater in Nikosia statt. Unter dem Titel „MEMORY – PRESENT – PAST“ wird eine moderne künstlerische Inszenierung präsentiert, die die Geschichte Zyperns durch die Jahrhunderte erzählt – und sie ausdrücklich als Teil der europäischen Kulturgeschichte begreift.

Die Inszenierung, unter der Regie von Costas Silvestros, verbindet Musik, Tanz, Theater, Poesie, Bildkunst und digitale Technologien. In drei Akten entfaltet sich ein Narrativ von Erinnerung, Gegenwart und Zukunft – ein kulturelles Selbstverständnis, das weit über Folklore hinausgeht.

Begleitend zur Präsidentschaft finden während der gesamten sechs Monate kulturelle Veranstaltungen in Zypern und in 31 weiteren Ländern statt.


3. Präsident Christodoulides: Europa als Werte- und Machtprojekt

In einer Botschaft an die Cyprus News Agency betonte Präsident Nikos Christodoulides, dass die EU-Ratspräsidentschaft als nationale Aufgabe mit hoher Verantwortung verstanden werde – getragen von einem tiefen Glauben an die europäische Vision und die weitere Integration.

Zypern sei bereit,

„die Stimme aller 27 Mitgliedstaaten zu sein und die Union mit Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Ausgleich zu führen“.

Besonders deutlich wurde der Präsident in einem Punkt: Europa braucht mehr strategische Autonomie. Nicht als Abschottung, sondern als Voraussetzung für Handlungsfähigkeit in einer Welt wachsender Machtblöcke.


4. Fünf strategische Säulen der Präsidentschaft

Die zypriotische Ratspräsidentschaft stützt sich auf fünf miteinander verknüpfte Prioritäten:

  1. Autonomie durch Sicherheit, Verteidigung und Resilienz

  2. Autonomie durch Wettbewerbsfähigkeit

  3. Eine Union, offen zur Welt

  4. Eine autonome Union der Werte – für alle

  5. Ein langfristiger Haushalt für eine autonome Union

Diese Agenda versteht Autonomie nicht als Selbstzweck, sondern als logische Weiterentwicklung des europäischen Projekts.


5. Europäische Angelegenheiten: Vermittlung statt Polarisierung

Die stellvertretende Ministerin für europäische Angelegenheiten, Marilena Raouna, sprach von einem Moment nationalen Stolzes. Die Präsidentschaft sei von Beginn an als strategische Chance konzipiert worden, um die Rolle Zyperns innerhalb der EU und international zu stärken.

Zypern werde als ehrlicher und verlässlicher Vermittler auftreten, der alle Mitgliedstaaten gleichwertig repräsentiert und konsensuale Lösungen anstrebt – gerade in einem anspruchsvollen geopolitischen Umfeld.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

6. Prioritäten im Detail: Sicherheit, Migration, Energie, Erweiterung

Inhaltlich setzt die Präsidentschaft klare Akzente:

  • Umsetzung des White Paper on European Defence

  • Umsetzung der Roadmap Defence Readiness 2030

  • Stärkung der EU-Maritime-Sicherheitsstrategie

  • Vollständige Implementierung des Pakts zu Migration und Asyl, inklusive Rückführungsmechanismen

  • Ausbau der Energiesicherheit, alternativer Lieferwege und bezahlbarer Preise

  • Konsequente Förderung der EU-Erweiterung, mit der Ukraine als zentraler Priorität

Daneben rücken auch soziale Themen in den Fokus: bezahlbarer Wohnraum, Kinderschutz und ein sicherer digitaler Raum.


7. Haushaltspolitik: Blick auf den MFR 2028–2034

Ein zentrales Dossier ist der Mehrjährige Finanzrahmen 2028–2034. Zypern will die Verhandlungen über sämtliche Legislativvorschläge vorantreiben und bis Juni ein verhandlungsreifes Rahmenwerk mit Richtwerten vorlegen – ein ambitioniertes, aber notwendiges Ziel.


8. Organisation und Logistik: Präsidentschaft im Alltag

Während der sechs Monate wird Zypern:

  • Sitzungen in Brüssel und Luxemburg leiten

  • rund 260 Treffen in Zypern ausrichten

  • darunter 27 hochrangige Treffen

  • sowie 19 informelle Ministerräte

Zentrales Veranstaltungszentrum ist das renovierte Filoxenia Conference Center, ergänzt durch Veranstaltungsorte in anderen Städten der Insel. Sicherheit und Logistik werden durch ein umfassendes Einsatzkonzept von Polizei, Justizministerium und weiteren Behörden gewährleistet.


9. Zahlen, Fakten und wirtschaftlicher Kontext

Zypern bringt die Präsidentschaft in einer Phase solider wirtschaftlicher Entwicklung ein:

  • EU-Mitglied seit 1. Mai 2004

  • Eurozone seit 1. Januar 2008

  • Schengen-Beitritt in Vorbereitung

  • 6 Abgeordnete im Europäischen Parlament

  • EU-Kommissar: Costas Kadis

Laut EU-Kommission wird Zypern 2025 die dritthöchste Wachstumsrate der Eurozone erzielen. Gleichzeitig sinken Inflation, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung – eine solide Ausgangsbasis für eine glaubwürdige Präsidentschaft.


10. Rückblick: Die erste Präsidentschaft 2012

Bereits 2012 setzte Zypern als Ratspräsident Akzente – insbesondere in der Integrierten Meerespolitik und bei den Verhandlungen zum Mehrjährigen Finanzrahmen 2014–2020. Die damalige Limassol-Erklärung und das Leitmotiv „Filoxenia“ (Gastfreundschaft) prägten das Bild einer offenen, kooperativen Präsidentschaft.


Schlussbetrachtung

Die zweite EU-Ratspräsidentschaft Zyperns ist mehr als ein diplomatischer Turnus. Sie ist Ausdruck eines Landes, das sich trotz Teilung, geopolitischer Spannungen und begrenzter Größe als verantwortungsbewusster europäischer Akteur versteht.

Oder nüchtern formuliert:
Zypern übernimmt nicht nur den Vorsitz – es übernimmt Verantwortung. Für eine Union, die in unsicheren Zeiten Zusammenhalt, Richtung und Handlungsfähigkeit braucht.

Quelle: Cyprus News Agency (CNA)

Bundschuh & Schmidt Holding Ltd. 434 Reviews on ProvenExpert.com
Nach oben scrollen