Seit Januar 2026 ist die große zypriotische Steuerreform in Kraft – und laut Regierung zeigt sie bereits messbare Effekte im Alltag. Eirini Piki, stellvertretende Ministerin beim Präsidenten, erklärte am Dienstag, dass sich bei der Januargehaltsabrechnung für rund 200.000 Steuerzahler eine Steuerreduktion ergeben habe – also ein Netto-Plus. Gleichzeitig sollen im Verlauf von 2026 etwa 30.000 Personen vollständig von der Einkommensteuer befreit sein.
Piki sprach am Rande der Konferenz „Tax Reform 2026“, organisiert von CPA Cyprus (Cyprus Association of Certified Public Accountants), die Fachleute und Unternehmen über die Neuerungen informieren sollte. Die hohe Resonanz – über 300 Delegierte – wurde vom Präsidenten des Instituts, Odysseas Christodoulou, als Beleg dafür gewertet, wie groß das Interesse in Wirtschaft und Finanzsektor ist.
Die Reform verfolgt zwei Ziele, die selten gleichzeitig gelingen: spürbare Entlastung (für Haushalte und Liquidität) und höhere Steuergerechtigkeit durch bessere Durchsetzung. In Zypern versucht man damit, ein Steuersystem zu schaffen, das nicht nur attraktiv aussieht, sondern auch zuverlässig funktioniert – idealerweise ohne dass man dafür erst drei Stempel und einen „Kommen Sie morgen wieder“-Moment braucht.
1) Entlastung für Haushalte: €22.000 steuerfrei und einfachere Stufen
Im Zentrum der privaten Entlastung steht der neue steuerfreie Grundbetrag von €22.000. Piki betonte, dass diese Anhebung gemeinsam mit vereinfachten Steuerstufen unmittelbar mehr Netto bringt – und die Erwartung erklärt, warum 2026 zehntausende Personen gar keine Einkommensteuer mehr zahlen sollen.
Die Reform wird in der öffentlichen Kommunikation klar als „Breathing space“ dargestellt: Familien sollen finanziell mehr Luft bekommen, und für Unternehmen soll die Reform Liquidität und Wettbewerbsfähigkeit stärken.
Wichtig ist dabei: Solche Effekte entstehen nicht erst „irgendwann“, sondern sind bei Arbeitnehmern sofort sichtbar, weil die Lohnsteuerabzüge monatlich wirken. Genau darauf verweist Piki mit dem Hinweis auf die Januargehälter.
2) Unternehmensseite: Körperschaftsteuer 15% – aber „Deemed Dividends“ weg und SDC auf Dividenden drastisch reduziert
Für Unternehmen bringt die Reform eine Kombination aus höherem Körperschaftsteuersatz und gleichzeitiger Entschärfung zentraler „Cash-Leakage“-Mechanismen:
Körperschaftsteuer steigt von 12,5% auf 15%.
Die Deemed Dividend Distribution (DDD) wird ab Gewinnen ab 1. Januar 2026 abgeschafft (mit Übergangsregeln für Vorjahre).
Die Special Defence Contribution (SDC) auf tatsächliche Dividenden sinkt laut Konferenzangaben von 17% auf 5%.
Genau diese Kombination wurde auch vom Steuerkommissar Sotiris Markidis hervorgehoben: Ja, die CIT steigt – aber DDD fällt weg und die SDC-Belastung auf Dividenden wird deutlich reduziert. Aus seiner Sicht verbessert das die Wettbewerbsfähigkeit zypriotischer Unternehmer „wesentlich“ – eines der Kernziele der Reform.
In der Praxis bedeutet das: Die effektive Gesamtbelastung wird stärker über den Lebenszyklus von Gewinnen betrachtet. Mehr CIT an der einen Stelle, aber weniger „Zwangsdividende“ und eine niedrigere SDC an der anderen. Mehrere Fachanalysen kommen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Reform in vielen Fällen die Gesamtbelastung stabil hält oder sogar verbessert – trotz 15% CIT.
3) „Landmark change“: Regierung setzt auf einfach, transparent und wirksam – plus Modernisierungskurs
Piki nannte die Reform eine „wegweisende“ (landmark) Änderung. Ziel sei ein einfaches, transparentes und effektives Steuersystem mit fairer Lastenverteilung und „klaren, greifbaren Vorteilen“ für Wirtschaft und Bürger.
Sie ordnete das Ganze in einen größeren Modernisierungskurs ein und verknüpfte Steuerpolitik mit Makrodaten:
Wachstum 2025 „nahe 4%“ (Regierungsaussage in diesem Kontext),
Staatsverschuldung unter 60% des BIP,
stabile Budgetüberschüsse über 3%.
Als externes „Qualitätssiegel“ verwies sie auf die jüngste Rating-Anhebung auf „A“ durch Scope Ratings – als Bestätigung fiskalischer Konsistenz und der Stabilität des Bankensektors.
Scope selbst begründet das Upgrade u. a. mit robusten Fiskalzahlen und sinkender Schuldenquote; der Ausblick wurde dabei auf „stable“ gesetzt.
4) Mehr Durchsetzung: Versiegelung von Geschäftsräumen und „Share Freeze“ ab €100.000 Steuerschuld
Der zweite große Block der Reform ist weniger gemütlich – und genau das ist beabsichtigt: Steuercompliance und Steuergerechtigkeit sollen gestärkt werden.
Markidis kündigte bzw. erläuterte zwei besonders starke Instrumente:
Vorübergehendes Versiegeln von Geschäftsräumen, wenn ein Unternehmen seine Steuern nicht zahlt oder „nicht konformes Verhalten“ festgestellt wird.
Die Möglichkeit der Steuerbehörde, Aktien/Anteile von Steuerpflichtigen einzufrieren, wenn die Steuerschulden €100.000 übersteigen.
Diese Maßnahmen markieren eine Verschiebung: Weg vom reinen „Nachfordern“ hin zu spürbaren Konsequenzen, die wirtschaftlich weh tun können. Politisch ist das leicht zu verkaufen, weil es dem Fairness-Gedanken entspricht: Entlastung für viele – aber weniger Spielraum für diejenigen, die dauerhaft nicht liefern.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen5) CPA Cyprus: Schulungen im Rekordtempo – Reform ist umgesetzt, jetzt kommt die Praxis
Für die Umsetzung ist ein Berufsstand entscheidend: Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Buchhalter – also genau das Publikum der CPA-Konferenz.
Odysseas Christodoulou hob hervor, dass innerhalb von nur drei Wochen über 2.000 Mitglieder des Instituts und der Business-Community durch Live-Seminare geschult wurden; zusätzlich hätten über 1.100 Personen an einem zweistündigen Online-Seminar teilgenommen.
Das ist mehr als PR: Gerade bei Reformen entscheidet die Qualität der Umsetzung darüber, ob ein System „einfach“ wird – oder nur neue Fehlerquellen schafft. Wenn tausende Praktiker schnell auf denselben Wissensstand gebracht werden, sinkt das Risiko, dass Entlastung auf dem Papier steht, aber im Alltag an falschen Parametern, falscher Lohnabrechnung oder falschem Verständnis hängen bleibt.
6) Parlamentarische Perspektive: „Ergebnis harter Arbeit“ – und Konsens als Erfolgsfaktor
Auch die Politik betont den Prozess. Christiana Erotokritou, Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Finanzen und Haushalt, sprach davon, dass Reform und Verabschiedung Ergebnis harter Arbeit seien – ermöglicht durch die ehrliche Absicht aller Beteiligten, zu diskutieren, zu konsultieren und zu einer Einigung zu kommen.
Das klingt diplomatisch, ist aber nicht banal: Steuerreformen scheitern oft an Partikularinteressen. Ein konsensfähiger Rahmen erhöht die Stabilität – und Stabilität ist in Steuerfragen ein Standortfaktor.
7) Steuerverwaltung: Einnahmenplus, Backlog-Abbau und „Tax For All“ als digitales Rückgrat
Markidis lieferte zusätzlich eine Zahl, die fiskalisch aufhorchen lässt: Das Tax Department habe 2025 gegenüber 2021 über 60% mehr Steuereinnahmen verzeichnet; die Gesamteinnahmen hätten €8 Milliarden überschritten.
Er führte das sowohl auf die Wirtschaftspolitik als auch auf die Strategie der Steuerbehörde und gezielte Compliance-Interventionen zurück.
Backlog-Projekt: 3,3 Mio. Steuererklärungen bereinigt – €600 Mio. festgesetzt und €400 Mio. rückerstattet
Im Rahmen eines Projekts zur Bereinigung von Rückständen bei Einkommensteuererklärungen seien seit Start rund 3,3 Millionen Erklärungen abgearbeitet worden. Dabei seien rund €600 Mio. Einkommensteuer festgesetzt worden – und gleichzeitig €400 Mio. an Steuerzahler rückerstattet worden.
Das zeigt: Effiziente Steuerverwaltung ist nicht nur „härter“, sondern auch fairer. Wenn Rückstände abgebaut werden, profitieren beide Seiten: Der Staat bekommt, was ihm zusteht – und Bürger bekommen Rückzahlungen, die sonst in der Warteschleife hängen würden.
Tax For All (TFA): €30 Mio. Digitalprojekt, 250.000 VAT-Refund-Anträge, €1,6 Mrd. Rückerstattungen
Als Schlüssel zur digitalen Transformation nannte Markidis das System „Tax For All“ (TFA) – Gesamtprojektvolumen laut seinen Angaben rund €30 Mio. Über TFA seien etwa 250.000 Anträge auf MwSt-Rückerstattung verarbeitet worden; die Rückzahlungen beliefen sich bereits auf €1,6 Mrd.
Dass TFA tatsächlich als offizielles Portal der Steuerverwaltung betrieben wird, ist öffentlich sichtbar; es wird als sicherer Online-Zugang zur Steuerverwaltung beworben.
Fazit: Entlastung jetzt, Wettbewerbsfähigkeit im Blick – und ein Staat, der Durchsetzung ernst meint
Die Pressemitteilung zeichnet ein klares Bild: Zypern kombiniert 2026 eine spürbare Entlastung (200.000 mit weniger Steuerabzug, 30.000 voraussichtlich ganz steuerfrei) mit einem modernisierten Unternehmensrahmen (15% CIT, aber DDD weg und SDC auf Dividenden bei 5%) – und ergänzt das Ganze durch härtere Compliance-Werkzeuge wie Versiegelungen und Share-Freeze ab €100.000 Steuerschuld.
Flankiert wird das durch die klare Botschaft: Solide Staatsfinanzen und ein gutes Rating sind kein Selbstzweck, sondern sollen Spielraum schaffen – und zugleich Vertrauen bei Investoren und Steuerzahlern stärken. Die Scope-Anhebung auf „A“ passt dabei als externer Marker ins Bild.
Wenn man es mediterran-trocken formuliert: Die Reform will, dass mehr Geld im Portemonnaie bleibt – aber weniger Ausreden im System.
Quelle: Cyprus News Agency (CNA)
