London als Brücke: Wie Zyperns Tech-Ökosystem die Diaspora aktiviert – und warum das jetzt zählt

London als Brücke: Wie Zyperns Tech-Ökosystem die Diaspora aktiviert – und warum das jetzt zählt

Mehr als 100 Gründerinnen und Gründer, Forschende sowie Startup-Executives mit engem Bezug zu Zypern kamen in London zusammen – nicht zu einem Empfang mit Häppchen und Folklore, sondern zu einem sehr zielgerichteten Format: Die erste UK-Veranstaltung von Cyprus Seeds und 33East sollte die Zusammenarbeit zwischen der zypriotischen Diaspora und dem Tech-Ökosystem der Insel spürbar verdichten. Austragungsort war die Zypriotische Hochkommission in London, unterstützt von deren Handelsabteilung. Damit bekam das Treffen auch institutionelles Gewicht: Es ging nicht um Symbolik, sondern um Standortpolitik im besten Sinne – mit Menschen, Kapital, Forschung und Skalierung im Fokus.

Die Botschaft der Organisatoren war klar: Zypern will nicht nur „mitspielen“, sondern sich auf der globalen Technologiekarte sichtbarer und relevanter positionieren. Und dafür braucht es genau jene Verbindung, die viele Länder zwar beschwören, aber selten systematisch orchestrieren: Diaspora-Netzwerke als Multiplikator für Talent, Mentoring, internationale Partnerschaften und Zugang zu Märkten.

Ein strategisches Format – keine einmalige PR-Übung

Dass dieses Event nicht als isolierter „Ausflug nach London“ gedacht ist, betonten Cyprus Seeds und 33East ausdrücklich: Die Veranstaltung ist Teil einer breiteren, nach außen gerichteten Strategie, um Gründer, Forscher und Investoren, die bereits in internationalen Märkten aktiv sind, enger an Zypern zu binden – und umgekehrt: zypriotischen Teams den Zugang zu Auslandsmärkten, Partnern und Kapital zu erleichtern.

Das ist ein bemerkenswert pragmatischer Ansatz. Denn erfolgreiche Startup-Ökosysteme entstehen selten rein lokal. Sie wachsen dort am schnellsten, wo es gelingt, globale Netzwerke früh zu öffnen: Investoren, Pilotkunden, Industry Mentors, wissenschaftliche Kooperationen, regulatorische Expertise – all das sind Beschleuniger, die gerade in der frühen Phase über Erfolg oder Zähigkeit entscheiden. Zypern setzt hier auf eine Art „Doppelschub“: Forschung in Produkte übersetzen (Cyprus Seeds) und diese Produkte früh kapital- und marktfähig machen (33East).

Die Bühne für konkrete „Growth Stories“ – statt PowerPoint-Nebel

Besonders greifbar wurde das Treffen durch die Präsentationen dreier Startups, die von 33East unterstützt werden: Electryone AI, Genie Fertility und Tyten. Im Mittelpunkt standen nicht bloß Visionen, sondern die Frage, wie aus Idee und Prototyp echte Traktion entsteht – also erste Kunden, erste Umsätze, erste Finanzierungsschritte. Genau diese Phase ist bekanntlich der Punkt, an dem viele Projekte scheitern: nicht am Talent, sondern an der Umsetzung in marktfähige Produkte.

Die Gründer beschrieben ihren Weg von der Idee zur Produktentwicklung und betonten dabei gleichermaßen die Herausforderungen und die Chancen technologischer Unternehmensgründung. Das ist wichtig, weil es den Mythos vom „kreativen Geistesblitz“ ersetzt durch das, was Startups tatsächlich ausmacht: methodische Produktarbeit, harte Priorisierung, Iteration – und das Aushalten von Unsicherheit.

Electryone AI: Häuser als aktive Akteure im Energiesystem

Ioannis Kasinopoulos stellte die Reise von Electryone AI vor – eingebettet in die „neue Energieökonomie“. Der Kern: Ein intelligentes Software-System soll Haushalte vom passiven Stromverbraucher zum aktiven „Player“ im Netz machen. Wer in Europa lebt, weiß: Energie ist längst nicht mehr nur eine Rechnung, sondern eine strategische Infrastrukturfrage. Und Zypern hat dabei eine besondere Ausgangslage – als Insel mit hoher Sonneneinstrahlung, steigendem Anteil dezentraler Erzeugung und zugleich der Notwendigkeit, Netze stabil und effizient zu steuern.

Genau hier setzt Electryone AI an: intelligente Plattformlogik, die Energieflüsse, Verbrauch, Erzeugung und möglicherweise Speicher-/Lastmanagement so koordiniert, dass Haushalte aktiv teilnehmen können – etwa durch optimierte Nutzung, flexible Tarife oder netzdienliches Verhalten. Die Vision ist klar: Wenn viele kleine Einheiten smart gesteuert werden, entsteht ein System, das effizienter, resilienter und potenziell günstiger wird.

Das ist nicht nur ein Tech-Thema, sondern ein gesellschaftliches: Der Übergang von zentralen zu dezentralen Energiesystemen braucht Software, die Komplexität unsichtbar macht. Wenn das gelingt, entsteht ein Produkt, das international skalierbar ist – denn die Energiesysteme vieler Länder bewegen sich in dieselbe Richtung.

Genie Fertility: Präzision in der Frauenmedizin durch molekulare Daten

Andreas Chatzimichalis erläuterte das Modell von Genie Fertility, das auf molekulare Daten aus dem Endometrium setzt, um personalisierte Lösungen für Fertilität und Frauengesundheit bereitzustellen. Hier wird deutlich, warum Cyprus Seeds als Forschungskommerzialisierer ein so wichtiger Baustein ist: In der Medizin liegt enorm viel Potenzial in Daten, Biomarkern und neuen diagnostischen Ansätzen – aber der Weg von der Forschung in die klinische Praxis ist anspruchsvoll.

Genie Fertility adressiert eine reale Lücke: Fertilitätsbehandlungen sind emotional, medizinisch und wirtschaftlich anspruchsvoll – und oft nicht so individualisiert, wie es moderne Datenmethoden eigentlich ermöglichen würden. Wenn molekulare Signaturen helfen, Entscheidungen zu verbessern, kann das nicht nur Erfolgschancen steigern, sondern auch die Belastung für Patientinnen reduzieren.

Wichtig ist: Frauenmedizin ist international im Aufwind – sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich. Wer hier Produkte entwickelt, bewegt sich in einem Markt, der wächst und zugleich hohe Qualitäts- und Evidenzanforderungen hat. Genau deshalb ist der Zugang zu Mentoring, Partnernetzwerken und Finanzierung entscheidend.

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Tyten: KI für Gebäudemanagement – vom Accelerator zur Finanzierung

Tom Petrides skizzierte die Entwicklung von Tyten: vom Einstieg über den Antler-Accelerator bis zur jüngsten Finanzierungsrunde. Der Fokus: Aufbau einer KI-Plattform für Building Facilities Management – also die intelligente Steuerung und Optimierung von Gebäudebetrieb, Wartung und Effizienz.

Das klingt zunächst „unromantisch“, ist aber ein riesiger Markt: Gebäude sind Kostenblöcke, Energieverbraucher, Sicherheitsräume, Produktions- und Lebensorte. In vielen Ländern ist das Gebäudemanagement fragmentiert, datenarm und reaktiv. KI kann hier echte Produktivität heben: vorausschauende Wartung, effizientere Ressourcennutzung, bessere Auslastung, weniger Ausfälle.

Die Tyten-Story ist auch deshalb relevant, weil sie zeigt, wie Startups heute entstehen: über internationale Programme, frühe Teams, schnelle Iteration – und dann die entscheidende Frage: Wie kommt man von einer überzeugenden Produktidee zu Kapital und Kunden? Dass Tyten diesen Weg bis zur Funding-Runde gegangen ist, ist ein starkes Signal für die Anschlussfähigkeit zypriotisch verbundener Gründerteams im internationalen Umfeld.

Mehr als Geld: Mentoring, Partnernetzwerke und Zugang zu Märkten

Neben den Gründerstories boten Cyprus Seeds und 33East ein umfangreiches Briefing zu Förder- und Unterstützungsangeboten: Finanzierungsmöglichkeiten, Mentoring, sowie Zugang zu internationalen Partnernetzwerken. Das ist oft der unterschätzte Teil: Kapital allein löst selten die operativen Probleme früher Teams. Wertvoller sind häufig die richtigen Türen – Pilotkunden, Experten, Vertriebspartner, erfahrene Operator, regulatorische Guidance.

Gerade die Diaspora kann hier entscheidend sein. Menschen, die in UK, den USA oder anderen Märkten bereits in Tech, Forschung oder Venture Capital etabliert sind, können Brücken bauen: nicht als „Wohlfühl-Community“, sondern als strukturiertes Netzwerk, das Wissen und Zugang teilt. Das London-Event schuf dafür die Bühne.

Networking als Produkt: Der wichtigste Teil passiert nach dem Programm

Nach den Präsentationen folgte eine Networking-Session, in der Unternehmer, Forschende und Diaspora-Mitglieder direkt ins Gespräch kamen. Solche Sessions wirken auf Außenstehende oft wie ein nettes „Get-together“. In der Realität sind sie häufig der produktivste Teil: Dort entstehen Mentoring-Beziehungen, Co-Founder-Optionen, Intro-Mails zu Investoren oder erste Pilotgespräche.

Gerade in einem kleinen Land wie Zypern ist dieses Prinzip besonders stark: Wenn das lokale Ökosystem gezielt mit internationalen Knotenpunkten verbunden wird, entsteht ein Hebel, der die geografische Größe relativiert. Anders gesagt: Man muss nicht Silicon Valley sein – man muss die richtigen Verbindungen haben und gute Teams, die sie nutzen.

Wer sind Cyprus Seeds und 33East – und warum passt die Kombination?

Die Pressemitteilung beschreibt die Rollen sehr klar:

  • 33East ist ein Investmentfonds mit Fokus auf Pre-Seed- und Seed-Investments und wird von der zypriotischen Regierung unterstützt. Er investiert in frühphasige Startups mit Zypern-Bezug und bietet neben Kapital auch Support und Connections mit Blick auf internationale Expansion. Gegründet wurde 33East von Dimitris Zoppos und Giannis Eftychiou, beide mit operativer Erfahrung in wachstumsstarken Unternehmen und starken Verbindungen in internationale Tech-Netzwerke.

  • Cyprus Seeds ist eine non-profit, private Organisation, die die Kommerzialisierung innovativer akademischer Forschung vorantreibt und damit eine Pipeline für Deep-Tech-Spin-offs aufbauen will. Kerninstrument ist ein Funding-Programm für innovative Forschungsprojekte, das Grants, Mentoring, Entrepreneurship-Training und Vernetzung mit Investoren in Zypern und international bietet. Cyprus Seeds ist zudem Partner in zwei „Flagship“-Initiativen, die von EU-Kommission und zypriotischer Regierung unterstützt werden: PHAETHON und DiGiNN.

In Kombination ergibt das ein schlüssiges Modell: Cyprus Seeds sorgt dafür, dass aus Forschung marktreife Projekte entstehen – 33East sorgt dafür, dass diese Projekte finanzierbar, skalierbar und international anschlussfähig werden. Das ist im Kern genau die Wertschöpfungskette, die viele Länder aufbauen möchten: von der Universität in den Markt – und von dort hinaus in die Welt.

Zypern auf der globalen Technologiekarte: Warum das Timing gut ist

Dass ein solches Event gerade jetzt stattfindet, ist kein Zufall. Der internationale Wettbewerb um Tech-Standorte verschärft sich: Talente sind mobil, Kapital sucht Qualität, und Forschung muss schneller in Anwendungen übersetzt werden. Zypern hat mehrere Vorteile: kurze Wege, internationale Ausrichtung, starke Diaspora, EU-Rahmen, und ein Lebensumfeld, das in globalen Tech-Kreisen durchaus als Standortargument funktioniert. Während man anderswo Monate mit Formularen verbringt, kann man auf Zypern oft schneller ins Machen kommen – und nach dem Call ist das Meer immer noch da. (In manchen Ländern ist nach dem Call vor allem… der nächste Call.)

Das London-Event zeigt: Zypern denkt Ökosystem nicht als Insel im geografischen Sinn, sondern als Netzwerk-Knoten. Wenn diese Strategie konsequent fortgesetzt wird, kann das Land nicht nur einzelne Startup-Erfolge hervorbringen, sondern eine wiederholbare Dynamik: Forschung → Gründung → Finanzierung → Internationalisierung → Rückkopplung ins Ökosystem.

Fazit: Ein erstes Signal – und ein plausibler Bauplan

Die erste UK-Veranstaltung von Cyprus Seeds und 33East war vor allem eines: ein Signal mit Struktur. Mehr als 100 Teilnehmende, konkrete Startup-Stories mit frühen Erfolgen, ein klares Angebot an Förderung und Investment, und ein strategischer Rahmen zur Einbindung der Diaspora.

Ob daraus langfristig ein „Flywheel“ entsteht, hängt von der Kontinuität ab: regelmäßige Formate, systematisches Matching, echte Deals, gemeinsame Projekte, Co-Investments, Pilotkunden. Die Bausteine sind da – und London als globaler Tech- und Finanzplatz ist ein sinnvoller Startpunkt.

Wenn Zypern diese Brücke stabil baut, wird es in den kommenden Jahren weniger darum gehen, ob die Insel „klein“ ist – sondern darum, wie gut sie vernetzt ist. Und Vernetzung, das wissen Gründer sehr genau, ist manchmal der Unterschied zwischen einer guten Idee und einem skalierenden Unternehmen.

 

Quelle: Cyprus News Agency (CNA)

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