Künstliche Intelligenz ist nicht länger ein „Nice-to-have“ für Pilotprojekte und Präsentationen – sie wird zunehmend zur tragenden Infrastruktur moderner Staaten. Genau diesen Anspruch formulierte am Montag der stellvertretende Forschungs-, Innovations- und Digitalminister Dr. Nicodemos Damianou: KI sei ein Schlüsselpfeiler der digitalen Transformation, und die Nationale KI-Strategie befinde sich in der Endphase der Vorbereitung.
Die Aussage fiel bei einer Pressekonferenz, in der Damianou eine bemerkenswert konkrete Roadmap skizzierte: Der Staat will KI nicht nur „fördern“, sondern sie systematisch in öffentliche Dienste, Infrastrukturen und Ausbildung integrieren – von Behördenprozessen über Justizsysteme bis hin zu einer nationalen Hochleistungsrechen-Architektur, die sogar gemeinsam mit NVIDIA entstehen soll.
Das ist nicht bloß Technologiepolitik. Es ist Standortpolitik: Wer KI-fähige Verwaltung, Dateninfrastrukturen und Rechenleistung organisiert, schafft die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen, Forschung und öffentliche Dienste schneller, skalierbarer und international anschlussfähig werden.
„AI for Government“: KI nicht im Labor, sondern im Amt
Im Zentrum der Regierungslogik steht der Ausbau von „AI for Government“-Lösungen. Damianou betonte, dass KI bereits in konkrete Systeme integriert wird – genannt wurden insbesondere Ippodamos und iJustice.
Ippodamos: Digitalisierung von Bau- und Planungsgenehmigungen
Das System IPPODAMOS ist die Plattform, über die Planungs- und Baugenehmigungen digital beantragt und abgewickelt werden können. Auf dem Regierungsportal gov.cy wird IPPODAMOS ausdrücklich als Informationssystem genannt, über das Anträge für Planning Permits und Building Permits eingereicht werden.
Wenn KI hier eingebunden wird, geht es nicht um „Chatbots“, sondern um reale Engpässe: Dokumentenprüfung, Plausibilitätschecks, Vollständigkeit, Klassifikation von Unterlagen, Priorisierung, Hinweislogik für fehlende Daten – also genau jene Prozesse, die in vielen Ländern die berühmte Wartezeit von „ein paar Wochen“ zu einem mediterranen Geduldsspiel machen (und nein, nicht das schöne mit Meerblick).
iJustice: digitale Justiz als Effizienzhebel
iJustice ist die Plattform zur elektronischen Einreichung und Verarbeitung von Gerichtsdokumenten. Das gov.cy-Serviceprofil beschreibt iJustice als System, über das Gerichtsdokumente eingereicht und bearbeitet werden.
Auch die EU-E-Justice-Seite ordnet iJustice als elektronisches System ein, das Einreichung, Gebührenzahlung, elektronische Aktenführung und Monitoring von Fällen ermöglicht.
KI-Integration in iJustice kann – richtig umgesetzt – Dinge beschleunigen, die Bürger und Anwälte unmittelbar spüren: bessere Dokumentenlenkung, automatisierte Erkennung von Formfehlern, strukturierte Metadaten, Priorisierungslogik und möglicherweise auch intelligente Suche über Aktenstände.
Neue Infrastruktur: „Pharos-CY“, „Daedalus“ und ein nationaler Supercomputer
Besonders ambitioniert sind die Infrastrukturpläne, die Damianou ebenfalls nannte: Aufbau von „Pharos-CY“, Zugang zu „Daedalus“ sowie die Entwicklung eines nationalen Supercomputers in Zusammenarbeit mit NVIDIA.
Pharos-CY: die zypriotische „AI Factory Antenna“
„Pharos-CY“ ist nicht bloß ein Markenname, sondern ein konkretes, vom Cyprus Institute koordiniertes Projekt: Es wurde für eine Förderung im Rahmen der EuroHPC-Initiativen ausgewählt und wird sowohl von EuroHPC als auch von der Regierung Zyperns unterstützt.
Die Logik dahinter: Zypern baut einen Knotenpunkt („Antenna“) in einem europäischen KI-HPC-Netzwerk auf – ein Schritt, der lokale Kapazitäten mit europäischer Rechen- und Forschungsinfrastruktur verbindet.
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Mehr InformationenDaedalus: Zugriff auf Rechenleistung in Griechenland – „AI Factory“-Verbund
Parallel dazu wurde öffentlich berichtet, dass Zypern Rechenkapazität über das griechische DAIDALOS-System nutzen soll, indem ein neues Rechenzentrum in Zypern an die griechische AI-Factory-Struktur (u. a. Pharos) andockt.
Das ist strategisch clever: Nicht jedes Land muss sofort alles allein bauen. Wer Zugang organisiert, gewinnt Zeit – und Zeit ist in der KI-Ökonomie eine Währung.
Nationaler Supercomputer mit NVIDIA: der Sprung in die „Big League“
Das spektakulärste Signal ist die geplante nationale Supercomputer-Infrastruktur in Kooperation mit NVIDIA. Ein Bericht von Kathimerini/Zypern beschreibt die Partnerschaft als Teil einer umfassenderen Aufrüstung nationaler Infrastruktur; ein Supercomputer solle 2026 in Betrieb gehen (Berichte nennen u. a. ein Zeitfenster bis Juni 2026).
Auch zypriotische Medien berichten, dass Zypern eine „AI Factory“ startet und die Schaffung eines nationalen Supercomputers vorantreibt.
Wenn diese Linie gelingt, wäre das für Zypern ein echter Standorthebel: Rechenleistung ist die Grundlage moderner KI-Modelle, industrieller Simulationen, Klima- und Krisenanalysen, Bioinformatik und vieler weiterer Disziplinen.
KI und Regulierung: Ausweitung auf Bildung und Umsetzung des EU-AI-Act
Damianou betonte, KI werde auch auf Bildung ausgeweitet – „mit der Implementierung des AI Act“.
Der EU-AI-Act (KI-Verordnung) setzt Anforderungen an risikobasierte Systeme, Transparenz, Governance und Compliance. Für den Staat bedeutet das: KI-Einführung muss nicht nur schnell sein, sondern rechtssicher, nachvollziehbar und verantwortbar – insbesondere bei Systemen mit Wirkung auf Rechte, Leistungen und Entscheidungen.
Für Schulen, Universitäten und Weiterbildung ist der Punkt ebenfalls zentral: KI-Kompetenz wird zur Grundfertigkeit. Wenn der Staat KI in der Verwaltung ausrollt, muss die Gesellschaft parallel verstehen, wie sie wirkt – und wo Grenzen, Rechte und Pflichten liegen.
Digitale Services: Quantensprung bei Output und Nutzung
Neben der KI-Strategie präsentierte Damianou harte Zahlen zur digitalen Verwaltung. Für 2025 wurden mehr als 75 Services entwickelt – nahezu doppelt so viele wie 2024. Für 2026 erwartet man sogar über 100 Services.
Noch wichtiger sind die Nutzungszahlen: Sie zeigen, ob digitale Transformation nicht nur produziert, sondern angenommen wird.
Bevölkerungregister & Wehrpflicht, Studierendenförderung, Solidaritätsfonds
Für 2025 nannte Damianou u. a. folgende Kennzahlen:
32.395 Nutzungen digitaler Dienste des Bevölkerungsregisters.
Über 13.000 digitale Services zu Wehrpflicht-Themen.
16.074 elektronische Anträge für Studierendenförderung.
7.076 Anträge für Zahlungen aus dem Solidaritätsfonds; ausgezahlt wurde insgesamt ein Betrag von über 71 Mio. Euro.
Das sind nicht nur Zahlen für einen Jahresbericht. Das sind Prozesse, die für Bürger sehr reale Auswirkungen haben: Zeit, Fahrtwege, Nachweislast, Planungssicherheit. Und sie sind Indikatoren dafür, ob Vertrauen in digitale staatliche Kanäle wächst.
e-ΔΕΑ: digitale Schülerprofile in großer Zahl
Im Bildungsbereich wurden 2025 über 90.000 Schülerprofile über e-ΔΕΑ erstellt, dazu 65.000 Anträge.
Das deutet auf eine breite Verankerung digitaler Verwaltung im Schulkontext hin – und liefert zugleich Datengrundlagen, die (mit korrektem Datenschutz) Planungen, Ressourcensteuerung und Servicequalität verbessern können.
„Digital Citizen“ und gov.cy: digitale Frontdoor des Staates
Ebenfalls zentral ist die „Frontdoor“ für Bürgerkontakte:
Die App „Digital Citizen“ hatte 2025 mehr als 135.000 registrierte Nutzer.
Das Regierungsportal gov.cy verzeichnet laut Damianou über 1 Million Besuche pro Monat.
Das sind Größenordnungen, die zeigen: Der digitale Staat wird genutzt. Und je stärker Nutzung und Vertrauen steigen, desto mehr lohnt es sich, KI als „Qualitätsverstärker“ einzusetzen – etwa zur besseren Navigation, verständlicheren Auskünften, schnelleren Fallbearbeitung und proaktiven Hinweisen.
2026: große System-Upgrades bei Verkehr, Sozialversicherung und Polizei
Für 2026 kündigte Damianou konkrete Modernisierungen an:
Upgrade des Systems der Road Transport Department (Straßenverkehrsamt),
Upgrade des Social Insurance-Systems,
Weiterentwicklung der Police communication platform.
Solche Kernsysteme sind die „unsichtbaren Motoren“ des Staates. Wenn sie veralten, entstehen genau die Situationen, die Bürger „Bürokratie“ nennen. Wenn sie modernisiert werden, entsteht ein Ökosystem, in das KI sinnvoll eingebaut werden kann – als Assistenz, Automatisierung und Qualitätskontrolle.
Damianou verwies zudem auf Support-Projekte für den Gesundheitssektor. In der Praxis ist Gesundheit häufig der schwierigste Bereich: hohe Sensibilität, Datenschutz, komplexe Prozesse, viele Akteure. Gerade deshalb wäre dort ein gut regulierter KI-Einsatz besonders wertvoll – wenn er sauber umgesetzt wird.
Schengen & Entry-Exit-System: Teil des Pakets, aber keine formale Voraussetzung
Ein weiterer Punkt aus der Pressekonferenz betrifft die europäische Dimension: Damianou stellte klar, dass Zyperns Beitritt zum Schengen-Raum und das EU Entry-Exit System (EES) Teil des Schengen-Projektpakets seien, jedoch keine Voraussetzung für den Beitritt.
Das ist insofern relevant, als digitale Grenz- und Identitätsinfrastruktur politisch oft mit der Schengen-Debatte verknüpft wird – die Aussage zielt offenbar darauf, den Prozess sachlich zu entkoppeln und Missverständnisse zu vermeiden.
Fazit: Von der Digitalisierung zur KI-Verwaltung – Zypern setzt auf Tempo plus Infrastruktur
Die Pressekonferenz von Damianou zeichnet ein klares Bild: Zypern will den Schritt von „digitalen Services“ zur KI-gestützten Staatsfähigkeit vollziehen. Die nationale KI-Strategie steht vor der Finalisierung, KI wird in zentrale Systeme wie IPPODAMOS und iJustice eingebettet, und parallel entstehen große Infrastrukturen – Pharos-CY, Daedalus-Zugriff und ein nationaler Supercomputer mit NVIDIA.
Gleichzeitig belegen die Zahlen zu Services und Nutzung, dass digitale Verwaltung nicht nur geplant, sondern operativ geliefert wird: Dutzende neue Services pro Jahr, intensive Nutzung in Kernbereichen, wachsende Reichweite von gov.cy und der „Digital Citizen“-App.
Der entscheidende Punkt für 2026 wird sein, ob die nächste Stufe gelingt: Qualität, Sicherheit, Rechtskonformität und Vertrauen – also KI, die nicht nur schnell ist, sondern auch fair, nachvollziehbar und robust. Wenn das gelingt, kann Zypern im östlichen Mittelmeerraum nicht nur ein angenehmer Lebensort bleiben, sondern auch ein Staat, der digital so funktioniert, wie man es sich wünscht: leise, effizient – und ohne dass man dafür erst eine ganze Woche „nur kurz“ ein Formular braucht.
