CySEC-Präsident George Theocharides skizziert in Brüssel eine strategische Vision für ein wettbewerbsfähiges, autonomes und innovationsgetriebenes Europa
Bei der Bloomberg EU Policy Series in Brüssel, einer hochrangigen Veranstaltungsreihe im Rahmen der Cyprus Presidency of the Council of the EU, hat der Präsident der Cyprus Securities and Exchange Commission (CySEC), George Theocharides, eine grundsätzliche Standortbestimmung für Europas wirtschaftliche Zukunft vorgenommen. Seine zentrale These: Der Finanzsektor kann – und muss – zum „Motor“ der europäischen Transformation werden.
Die Veranstaltung stand unter dem Zeichen der Frage, wie Europa angesichts geopolitischer Verschiebungen, technologischer Disruptionen und wachsender globaler Konkurrenz seine Wettbewerbsfähigkeit, strategische Autonomie und Innovationskraft sichern kann. Theocharides fungierte dabei als Keynote-Speaker – und nutzte die Bühne für eine bemerkenswert klare Analyse.
Ein Wendepunkt für Europa – und für Zypern
Theocharides machte zu Beginn deutlich, dass Zypern die EU-Ratspräsidentschaft zu einem entscheidenden Zeitpunkt übernimmt. Das Leitmotiv der Präsidentschaft – „An autonomous Union, open to the world“ – sei kein wohlklingender Slogan, sondern ein strategischer Imperativ.
Europa müsse, so Theocharides,
wettbewerbsfähig genug sein, um zu führen,
autonom genug, um seine Interessen zu schützen,
innovativ genug, um die Zukunft aktiv zu gestalten.
Der Finanzsektor spiele dabei eine Schlüsselrolle, denn ohne effiziente Kapitalallokation, funktionierende Märkte und Vertrauen lasse sich keine der großen Transformationen – weder grün, noch digital, noch sicherheitspolitisch – finanzieren.
Die alte Baustelle: Fragmentierte Kapitalmärkte
Ein Schwerpunkt seiner Rede war die Savings and Investment Union sowie das von der Europäische Kommission vorgeschlagene Paket zur Marktintegration und Aufsicht.
Theocharides erinnerte daran, dass bereits seit den Jahren 2014/2015 – also seit den ersten Diskussionen zur Capital Markets Union – ein zentrales Problem ungelöst geblieben sei: die anhaltende Fragmentierung der europäischen Kapitalmärkte.
Trotz gemeinsamer Währung und Binnenmarkt existieren weiterhin:
rechtliche Barrieren,
unterschiedliche Aufsichtspraktiken,
operative Hürden,
und nicht zuletzt kulturelle Unterschiede,
die grenzüberschreitende Investitionen in der EU unnötig erschweren.
Hohe Kosten für Unternehmen – und für Europa
Diese Fragmentierung hat nach Ansicht von Theocharides handfeste ökonomische Folgen:
Sie erhöht die Kapitalkosten für europäische Unternehmen,
bremst das Wachstum innovativer Firmen,
und zwingt viele Unternehmen, Finanzierung außerhalb der EU zu suchen – etwa in den USA.
Gleichzeitig entstehen Ineffizienzen auf Seiten der Sparer: Je nach Mitgliedstaat sind Anlagemöglichkeiten, Schutzstandards und Transparenz sehr unterschiedlich. Ein echter Binnenmarkt für Kapital existiert bislang nur auf dem Papier.
Die Vorschläge der Kommission zielten daher darauf ab, ein effizienteres, wettbewerbsfähigeres und resilienteres europäisches Finanzökosystem zu schaffen.
Strategische Autonomie ohne Abschottung
Besonders wichtig war Theocharides die Abgrenzung zwischen Autonomie und Protektionismus. Ein tieferer, liquiderer europäischer Kapitalmarkt reduziere die Abhängigkeit von externem Kapital und vom Bankensektor – ohne Europa vom Rest der Welt abzuschotten.
Strategische Autonomie bedeute:
weniger Abhängigkeit von Drittstaaten,
mehr finanzielle Souveränität im Euroraum,
aber weiterhin offene Märkte, verlässliche Regeln und internationale Kooperation.
Europa müsse glaubwürdige Äquivalenzregelungen mit anderen Jurisdiktionen aufrechterhalten und für Planbarkeit in der Regulierung sorgen.
14 Billionen Euro – Europas ungenutztes Potenzial
Ein besonders eindrücklicher Teil der Rede betraf das private Sparvermögen der EU-Bürger. Dieses belaufe sich auf rund 14 Billionen Euro – ein enormes, bislang unzureichend genutztes Potenzial.
Ein erheblicher Teil dieses Vermögens liege in:
niedrig verzinsten Einlagen,
kurzfristigen Sparprodukten,
oder strukturell ineffizienten Anlageformen.
In Zeiten von Inflation, demografischem Wandel und steigenden Anforderungen an Altersvorsorge sei dies kein nachhaltiges Modell für Vermögensbildung oder soziale Sicherheit.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenInvestieren statt parken: Die Rolle der Savings and Investment Union
Die Savings and Investment Union könne – kombiniert mit Reformen in den Bereichen:
Altersvorsorge,
Insolvenzrecht,
Marktzugang,
dazu beitragen, private Ersparnisse sicher und transparent in produktive Investitionen zu lenken.
Damit ließe sich die Investitionslücke schließen, die Europa für:
die grüne Transformation,
die digitale Transformation,
und die Verteidigungsfähigkeit
dringend überwinden müsse.
Zypern als Brückenbauer
Theocharides betonte, dass Zypern aufgrund seiner geografischen Lage und regulatorischen Erfahrung eine besondere Rolle einnehmen könne: als Brücke zwischen Europa, dem Nahen Osten und Afrika.
Ziel sei ein Regulierungsumfeld, das:
dort strikt ist, wo es notwendig ist,
und dort offen, wo es möglich ist.
Gerade im internationalen Finanz- und Investitionskontext könne Zypern helfen, europäische Standards global anschlussfähig zu halten.
Marktintegration braucht auch Aufsichtskonvergenz
Ein weiterer zentraler Punkt: Marktintegration ende nicht mit Gesetzgebung. Sie erfordere aufsichtsrechtliche Konvergenz. Regeln müssten in allen Mitgliedstaaten einheitlich angewendet werden – nur so entstehe Vertrauen.
Uneinheitliche Durchsetzung untergrabe nicht nur Fairness, sondern auch die Glaubwürdigkeit des gesamten europäischen Finanzrahmens.
Digitale Finanzen als Präsidentschaftsschwerpunkt
Als Priorität der zypriotischen Präsidentschaft nannte Theocharides unter anderem digitale Finanzmärkte und Innovation. Regelwerke wie die Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCA) seien nicht nur Regulierung neuer Anlageklassen, sondern ein Signal an den Markt: Europa wolle ein verlässlicher Innovationsstandort sein.
Gleichzeitig hob er die Bedeutung des Digital Operational Resilience Act (DORA) hervor, der die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems gegenüber Cyberrisiken stärkt.
Geldwäschebekämpfung und nachhaltige Finanzen
Besondere Aufmerksamkeit widmete Theocharides dem neuen europäischen Geldwäschepaket und der Schaffung der Anti-Money Laundering Authority (AMLA). Ziel sei ein kohärenter europäischer Rahmen zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung – einschließlich Krypto-Transaktionen.
Im Bereich Sustainable Finance forderte er eine pragmatische Umsetzung von SFDR und CSRD, um Greenwashing zu verhindern, ohne insbesondere kleine und mittlere Unternehmen mit Bürokratie zu überfordern.
Kleinanleger, Bildung und „smarte Regulierung“
Auch Privatanleger standen im Fokus. Eine erfolgreiche Retail Investment Strategy müsse Vertrauen schaffen – durch verständliche Produkte, transparente Informationen und glaubwürdige Durchsetzung.
Regulatorische Vereinfachung bedeute dabei keine Deregulierung, sondern intelligentere, verhältnismäßige Regulierung. Gleichzeitig warnte Theocharides vor den Risiken durch Finanz-Influencer und Online-Betrug – ein Feld, das stärkere Aufsicht und bessere Finanzbildung erfordere.
Fazit: Eine europäische Agenda mit Substanz
Zum Abschluss betonte Theocharides, dass Zypern bereit sei, gemeinsam mit Mitgliedstaaten, Institutionen, Aufsichtsbehörden, Marktteilnehmern und Bürgern an einer wettbewerbsfähigeren, autonomeren und innovativeren EU zu arbeiten.
Nüchtern betrachtet ist seine Botschaft klar:
Ohne einen funktionierenden, integrierten und vertrauenswürdigen Finanzsektor wird Europas strategische Ambition Theorie bleiben. Mit ihm jedoch kann die Transformation gelingen – offen zur Welt, aber fest in den eigenen Strukturen verankert.
Quelle: Cyprus News Agency (CNA)
